Himmel über Tasmanien
dass nunmehr jede Feindseligkeit beendet wäre. Dennoch hatte er das ungute Gefühl, dass fortan nicht eitel Freud und Sonnenschein herrschen würden, wenn die beiden erst mal unter einem Dach wohnten. Der morgige Tag könnte recht unangenehm werden.
»Sie haben Besuch, Mum.« Vera Cornish stand in der Tür, behäbig und stoisch in Kopftuch, geblümter Kittelschürze, Baumwollstrümpfen und zweckmäßigen Schuhen. Ihre Miene war missbilligend wie immer.
Clarice legte ihre Zeitung beiseite. »Ich bin nicht deine Mutter, Vera. Bitte, nenne mich entweder Lady Pearson oder Madam.«
»Ja, Mum. Soll ich ihn hereinführen?«
Offenkundig wollte Vera nichts damit zu schaffen haben, lebenslange schlechte Angewohnheiten zu ändern, daher hatte es keinen Sinn, weiter zu streiten. »Wer ist dieser Besucher?«
Vera blinzelte auf die Visitenkarte. »Major Bertram Hopkins«, las sie vor.
Das sagte ihr gar nichts, und da Vera es anscheinend eilig hatte, dem Wohnzimmer zu entkommen, warf sie besser einen Blick auf diesen rätselhaften Besucher. »Führ ihn herein, Vera«, befahl sie, »und kümmere dich nicht um Tee, es sei denn, ich klingele. Wahrscheinlich bleibt er nicht lange.«
Vera trampelte in die Eingangshalle, und Clarice wartete.
»Lady Pearson?« Der gepflegte Mann im Tweedanzug tauchte ziemlich überraschend im Türrahmen auf. Vera hatte ihn offensichtlich in der Halle warten lassen.
»Major Hopkins, treten Sie ein.«
Clarice musterte ihn, als er über den abgetretenen Orientteppich schritt. Er war hochgewachsen, hatte eine kräftige Figur, der Schnurrbart war ziemlich dünn. Das Zwinkern in seinen Augen fand sie recht reizvoll, und wenn er lächelte, zeigte er eine Reihe gesunder Zähne. Sein gut geschnittener Anzug war sicher teuer gewesen, und er trug eine Melone, eine Aktentasche und einen fest zusammengerollten Schirm, den Vera ihm hätte abnehmen und auf den Tisch in der Halle legen sollen.
»Ich bin hocherfreut, Sie kennenzulernen, Lady Pearson«, sagte er und schüttelte ihr die Hand.
Clarice neigte zur Bestätigung den Kopf und deutete schweigend auf einen Sitzplatz. Der Mann schien einigermaßen seriös zu sein und wusste sich zu benehmen, und sie wartete, bis er sich niedergelassen hatte. »Was kann ich für Sie tun, Major?«
Er räusperte sich. »Es handelt sich um eine recht heikle Angelegenheit, Lady Pearson, und ich hoffe, Sie werden mir verzeihen, dass ich Sie so damit überfallen habe.«
Clarice seufzte. »Wenn Sie gekommen sind, um mir etwas zu verkaufen, dann, fürchte ich, muss ich Sie enttäuschen. Esgibt immer noch zu viele Heimkehrer, die sich mit Haustürverkäufen über Wasser halten, und ich ziehe es vor, meinen Beitrag direkt an die zuständigen Wohltätigkeitseinrichtungen zu leisten.«
»Ich bin vor vielen Jahren aus der Armee ausgeschieden und seither erwerbstätig«, erwiderte er. »Diese Tätigkeit ist es, die mich heute zu Ihnen führt.«
»Und was machen Sie?«
»Ich arbeite für Firmen und Privatpersonen in Angelegenheiten, die Diskretion und Taktgefühl erfordern.« Er glättete seinen Schnurrbart und sagte stolz: »Kurzum, Lady Pearson, ich bin Privatdetektiv.«
Clarice zog die Augenbrauen hoch. »Gute Güte«, sagte sie, »ich hätte nie damit gerechnet, einmal einen echten Sherlock Holmes in meinem Wohnzimmer zu haben.«
Er lächelte. »Ich maße mir nicht an, über diese Fähigkeiten zu verfügen, Lady Pearson, und das wirkliche Leben ist weitaus komplizierter als alles, was Arthur Conan Doyle zu Papier gebracht hat.«
Clarice war trotz ihrer Zurückhaltung beeindruckt und klingelte nach Vera. »Ich bin sehr daran interessiert, den Grund für Ihren Besuch zu erfahren, Major Hopkins.«
Er griff in seine Aktentasche, als Vera den Kopf zur Tür hereinstreckte. »Sie wünschen Tee, Mum?« Auf Clarice’ Nicken schlug sie die Tür zu, und ihr schwerer Tritt durch die Halle in die Küche war nicht zu überhören.
Clarice flatterte mit den Händen, befremdet über Veras Verhalten und die offenkundige Verwunderung des Majors. »Meine Haushälterin ist noch nicht mit der Etikette des Salons vertraut«, sagte sie hastig, »aber heutzutage ist es so schwer, gutes Personal zu bekommen …« Sie verstummte, denn sie wusste, dass sie sich wie ein aufgescheuchtes Huhn gebärdete.
»Vor dem Problem stehen viele in diesen schwierigenZeiten«, murmelte er und zog einen Stapel Papiere aus der rissigen Ledertasche. Er legte die Papiere auf den Sitz neben sich und faltete die
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