Höhlenwelt-Saga 7 - Die Monde von Jonissar
Vermessenheit!«
»Die Engel werden kommen und dich in Stücke reißen!«,
kreischte ein anderer.
»Ja! Und sie werden deine zerfetzte Leiche von Okaryn in die
Tiefe stürzen!«
Das Geschrei Einzelner und das Gemurmel der Menge schwollen
so sehr an, dass es zu einer offenen Front gegen Ullrik wurde.
Azrani und ihre Gefährten, die in ihrem Versteck warteten, verfolgten die Entwicklung mit Besorgnis. Immer lauter wurden die
Rufe, die ein blutiges Gericht gegen Ullrik forderten. Laura verzog
das Gesicht. »Ich sag es ja: Sie sind entweder saft- und kraftlos
oder blutgierig und brutal!«
»Bleibt zurück, ihr Ungläubigen!«, brüllte Ullrik den Leuten entgegen, die sich anschickten, auf in einzudringen. »Ich komme,
um euch die Freiheit zu bringen, und ihr wollt mich verjagen? Ist
das der Dank für das, was ich euch zu bieten habe?«
»So? Was hast du denn zu bieten, du Zauberlehrling?«, rief einer mit boshafter Stimme. Und ein anderer: »Ein paar Rauchwolken vielleicht?« Und wieder ein anderer: »Oder ein paar Donnerschläge?«
Es war Ullrik anzusehen, dass die Unsicherheit ihn gepackt hatte. Mit offensichtlicher Betroffenheit starrte er die Leute an, die er
– und nicht nur er – für ein Volk nichtsnutziger Feiglinge gehalten
hatte, die sich leicht beeinflussen ließen. Dieses Urteil mochte
nicht falsch gewesen sein, aber eines hatten sie offenbar unterschätzt: die Macht des religiösen Fanatismus; die Eiferer, die mit
der Macht ihres Glaubens Blut forderten.
Ullriks Hilfe suchende Blicke in Richtung seiner Freunde waren
unübersehbar. Er würde sich mit seiner Magie verteidigen können, das stand außer Frage, aber sie waren nicht gekommen, um
hier ein Blutbad anzurichten. Sie wollten in der Tat das Volk der
Relies vom Joch der Abon’Dhal-Herrschaft befreien und ihnen einen neuen Weg zusammen mit den Technos eröffnen, auf dass
sie gemeinsam in eine Zukunft blicken konnten. All das geschah
natürlich aus dem Interesse heraus, die eigenen Ziele zu erreichen, nämlich Marina zu befreien und den Weg zurück zur Höhlenwelt zu finden. Aber deshalb war das, was sie den Dorfbewohnern bringen wollten, schließlich nicht von minderem Wert. Azranis Herz pochte wie wild – wenn es jetzt zu einer gewalttätigen
Auseinandersetzung kam, würden sie womöglich nie wieder eine
Chance haben, Marina zu befreien.
»Ich fürchte, es wird Zeit für meinen Auftritt«, sagte sie und
schluckte den riesigen Kloß in der Kehle herunter. Sie sandte ein
Stoßgebet zu den Kräften, dass sie wirklich so schön war, wie
Ullrik und Laura behaupteten, und dass ihre Tätowierung entsprechenden Eindruck machte.
Sie schälte sich aus Ullriks Hemd, das inzwischen ihr gewohnheitsmäßiges Kleidungsstück geworden war, und erhob sich. Laura war ganz bleich geworden. Wahrscheinlich hatte auch sie Azranis Einfall bis zu diesem Moment für einen vergnüglichen, nicht
wirklich ernst gemeinten Spaß gehalten.
»Du machst es wirklich?«, keuchte Laura.
»Es wird doch wirken, oder?«, entgegnete Azrani mit zitternder
Stimme.
Lauras Blick glitt nur kurz über ihren Körper, dann nickte sie.
»Darauf kannst du wetten.« Dennoch stand Sorge in ihren Augen,
denn wenn sie sich täuschte, würde es tatsächlich zu einem Blutbad kommen. Dann mussten sie Ullrik und Azrani mit Gewalt herausschlagen.
Azrani aber nickte nur, trat hinter dem Gebüsch hervor und lief
los.
»Azrani!«
Sie wandte sich um. »Was denn?«, keuchte sie.
»Dein Gang, deine Haltung!« Laura deutete auf ihre Beine, ihre
Blicke waren flehentlich. »Sei eine Königin! Eine Göttin! Nur dann
werden sie es glauben!«
Azrani erschauerte, dann nickte sie verstehend. Sie lief langsam
weiter, versuchte ihre Atmung zu beruhigen und dachte an die
leider viel zu kurzen Minuten auf Xahoor, in denen Ullrik ihr ein
ganz neues Selbstbewusstsein eingehaucht hatte. Sie hatte keine
Ahnung, ob es für dies hier reichen würde, aber sie musste es
versuchen.
Der Dorfplatz war etwa siebzig Schritt von ihr entfernt; sie
musste auf halbem Weg zwischen zwei Hütten hindurchgehen und
würde gleichzeitig auch die aufgebrachte Menge erreichen. Zum
Glück hatten sich alle Dorfbewohner Ullrik zugewandt, und niemand sah in ihre Richtung. Das Geschrei war groß, Fäuste wurden geschüttelt und rüde Forderungen nach Blutzoll ausgestoßen.
Immer näher rückten die Leute an das Podest heran. Sie begegnete Ullriks suchendem Blick, hob schnell die Arme und winkte
ihm. Dabei hoffte sie, er werde
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