Höhlenwelt-Saga 7 - Die Monde von Jonissar
verstehen, dass sie einen effektvollen Auftritt benötigte. »Haltet ein!«, brüllte Ullrik und streckte
der Menge abwehrend die Hände entgegen. »Haltet ein, ihr Narren, bevor ihr etwas tut, das euer Volk vernichten würde!«
Tatsächlich hielten die Leute kurz inne. Nun kam es darauf an,
dass Ullrik die richtigen Worte fand, um Azrani gut in Szene zu
setzen.
Ihr Herzschlag hatte sich in ein dumpfes, hartes und schnelles
Pochen verwandelt, aber wenigstens bebte ihre Brust jetzt nicht
mehr so. Als plötzlich in der Ferne die Sonne durch den Einschnitt
zwischen zwei Gipfeln lugte und einen hellen Lichtstrahl auf sie
sandte, fasste sie Mut. Ihr Körper wurde von warmem, goldenem
Licht überflutet, und ihre Drachentätowierung trat gut sichtbar
hervor. Konnte es sogar sein, dass sie leuchtete? Tief sog sie die
Luft ein und ging weiter.
»Ihr nennt mich einen Frevler?«, donnerte Ullrik. Er richtete
sich zu voller Größe auf und deutete mit weit ausholender Geste
hinter sich in Richtung Okaryn, das in weiter Ferne auf der anderen Seite des Tales schwebte. »Ihr glaubt, dies wäre eine Himmelsfestung, und die scheußlichen Drachenbestien, die dort leben, wären Engel?« Er stieß ein höhnisches Lachen aus. »Das ist
der wahre Frevel, der Fluch, der über euch liegt!« Er legte eine
kurze, bedeutsame Pause ein. Die Dorfbewohner waren um eine
Winzigkeit ruhiger geworden, aber sicher nicht, weil er auf dem
Weg war, sie zu überzeugen. Sie waren einfach nur neugierig,
was Ullrik überhaupt von ihnen wollte. Azrani lief unter Aufbietung allen Mutes weiter und versuchte dabei Ruhe und Anmut in
ihren Gang zu bringen; es mochte ja sein, dass sich jemand zufällig umdrehte und sie sah. Noch zwanzig Schritte bis zu der Passage und den ersten Leuten. »Ihr werdet von diesen so genannten Engeln getäuscht!«, rief er. »Es sind lästerliche Bestien, die
euch terrorisieren, die euch eure Frauen genommen haben, um
euch zu beherrschen, um sie für ihre niederen Zwecke zu missbrauchen und dann zu töten!«
»Was?«, schrie einer, dessen Stimme schon vorher als die lauteste herausgestochen war. »Missbrauchen und töten? Lügner!
Ketzer! Falscher Prophet! Für dieses Sakrileg sollst du sterben!«
»Ich lüge nicht! Alles, was ich sage, ist wahr! Und ich kann es
beweisen! Hier und jetzt!«
Diese Ankündigung zeigte nun doch Wirkung. Viele Leute verstummten, starrten Ullrik voll angespannter Erwartung an, denn
er hatte die Arme erhoben, und es schien, als sollte der Beweis
nun unmittelbar folgen.
Azrani wusste, dass sie ein entscheidender Teil davon sein würde. Sie hatte sich mit aller Kraft zusammengerissen, hämmerte
sich verbissen ein, dass sie sich Ullrik voll und ganz anvertrauen
könnte, dass er sie niemals im Stich ließe und dass es ihm gelänge, die verzwickte Situation zu retten. Sie hatte die Schultern
gesenkt, die Brust nach vorn gereckt und ließ ihre Arme eine
Winzigkeit hinter dem Körper schwingen. Ein stolzer und eleganter Gang, den Marina perfekt beherrschte und der Azrani schon
oft zu neidvollen Sticheleien angefacht hatte. Nun versuchte sie
ihn zu kopieren – es schien, als funktionierte es. einigermaßen.
Sie hob das Kinn noch ein wenig mehr, bemühte sich, ihre Hüften sachte schwingen zu lassen und die Füße beim Gehen voreinander aufzusetzen. Bloß nicht übertreiben, mahnte sie sich.
»Ich bin ein Botschafter der Drachengöttin!«, rief Ullrik über die
Menge hinweg.
Azranis Herz setzte aus; ihre Knie wollten einknicken, ihre Brust
bebte. Doch sie fing sich wieder.
Drachengöttin!, echote es in ihrem Kopf.
Augenblicklich war ihr klar gewesen, dass sie das war!
»Die Drachengöttin hat mich geschickt, eure Welt zu besuchen
und ihr Bericht zu erstatten.« Ullrik ließ die Arme und die Stimme
sinken, die Leute verharrten gebannt.
Azrani hatte fast die Leute erreicht, nun wurde es höchste Zeit,
dass er ihren Auftritt einleitete. Sie verlangsamte ihre Schritte ein
wenig.
»Was ich ihr sagen musste«, rief Ullrik, »hat sie entsetzt.
Nun hat sie sich in menschliche Form begeben und ist mit ihren
beiden Drachenfreunden gekommen, um zu euch zu sprechen.
Hier ist sie. Die Drachengöttin Azrani!«
Um Azrani herum wirbelte mit einem dumpfen Schlag eine dunkelblaue Wolke auf, die mit hellen Funken durchsetzt war – aber
sie erschrak nur mäßig, mit so etwas hatte sie gerechnet. Beherrscht lief sie weiter, und als sie aus der Wolke heraustrat,
blickte sie auf eine Menschenmenge von mindestens
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