Höhlenwelt-Saga 7 - Die Monde von Jonissar
Donnerschlag über das Dorf
hinwegdröhnte.
Der Boden erbebte, die Holzhäuser erzitterten. Der trockene
Sand auf der festgestampften Erde des Dorrplatzes stob eine
Handbreit auf, so als hätte ein gigantisches Lebewesen machtvoll
mit einem riesigen Fuß aufgestampft. Filigraner Hausrat in den
Hütten klirrte aneinander, und lose Fensterläden klappten auf und
zu. Selbst der Strebsamste der Relies war zu dieser frühen Stunde noch nicht wach – aber spätestens in dem Moment, als der
zweite Donnerschlag den frühen Morgen wie mit einer Axt spaltete, saß auch der Letzte von ihnen aufrecht im Bett, den verwirrten Blick zum Fenster gewandt und mit pochendem Herzen darauf
lauschend, ob es ein drittes Mal geschehen würde. Und es geschah.
Dieses Mal kündigte es sich mit einem blendenden Blitz an, der
die graue Dämmerung für einen Herzschlag lang zur Helligkeit
des Tages aufzucken ließ. Danach krachte erneut der Donnerschlag über die Dächer hinweg – wie der Vorbote eines stürmischen Unwetters. Aber es fehlte der Wind, da lag kein Geruch von
Regen in der Luft, und noch nie hatte jemand erlebt, dass der
Donner eines Gewitters die blanke Erde hätte erzittern lassen.
Azrani und Laura hatten sich hinter ein paar Büschen versteckt
und starrten mit einer Mischung aus Erregung, Belustigung und
auch leiser Furcht zum Dorfplatz hinüber, wo Ullrik breitbeinig auf
dem Holzpodest stand.
»Du meine Güte«, keuchte Laura ungläubig.
Azrani nickte lächelnd. Was Ullrik kürzlich noch zu solch verzweifelter Selbstkritik getrieben hatte, nämlich seine unerhörte
Macht als Magier, bereitete Azrani heimliches Vergnügen. Sie
wusste, dass er ein gutes Herz hatte – niemals würde er einem
Unschuldigen etwas Böses antun, und deswegen konnte sie damit
leben, dass er diese Macht besaß. Spätestens an ihrem Busen
oder in ihrem Schoß schmolz er dahin, da war er so hilflos wie ein
kleines Kind, und es machte sie stolz und glücklich, dass sie ihn
letztlich damit beherrschen konnte – auch wenn es sie nicht nach
Macht über ihn verlangte.
»Welch ein Glück«, sagte sie breit lächelnd, »dass ich noch mitkommen konnte. Da wäre mir doch etwas entgangen!«
Die Schlafschulung war überraschend schnell vonstatten gegangen, und Azrani hatte gerade noch Gelegenheit gefunden, sich
der Gruppe anzuschließen, die im allerersten Morgengrauen zum
Dorf der Relies aufgebrochen war. Unterwegs hatte Azrani von
Laura das Wichtigste über ihr Vorhaben erfahren.
Nachdem sich ein gekidnappter Dorfbewohner namens Titus als
ein Ausbund an Verstocktheit, religiösen Eifers und Unbelehrbarkeit erwiesen hatte, waren sie auf die Idee verfallen, zu einem
spektakulären Generalangriff auf das ganze Dorf zu blasen. Der
Plan war verwegen, ja geradezu aberwitzig, aber offenbar das
Einzige, was ihnen jetzt noch helfen konnte. Nun kauerten Azrani
und Laura im Schutz einiger Büsche und Bäume und wurden Zeugen des wohl aufregendsten Ereignisses in der Geschichte dieser
grauen, öden Ansiedlung.
»Ich… ich wusste nicht, dass er so mächtig ist!«, stammelte
Laura.
Azrani lächelte wissend. »Du hast die Magie gar nicht mitbekommen, mit der er den Malachista davongejagt hat, nicht
wahr?«
Laura schüttelte mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen den Kopf. Vor Schreck hatte sie Azranis Arm umfasst und
hielt sich an ihr fest; allein das war schon ein kleines Wunder. Bei
ihrer ersten Begegnung nach Azranis Schlafschulung, in einer
Situation, da sie das erste Mal miteinander reden konnten, hatte
sich Laura noch ausgesprochen abweisend verhalten. Doch Azrani
mochte das junge Mädchen und hatte sich nicht beirren lassen.
Sie wollte dahinterkommen, was Laura mit sich herumschleppte,
warum sie offenkundig so verbittert war. Bisher hatte sich noch
keine Gelegenheit für ein vertrauliches Gespräch ergeben, aber
dennoch war das Eis zwischen ihnen ein Stück geschmolzen.
Azrani hatte Laura auf dem Marsch hierher über alles Mögliche
ausgefragt, und das hatte sie einander näher gebracht. Nun
herrschte wenigstens nicht mehr diese Eiseskälte vor.
Burly und Mandal schlichen von hinten an sie heran und knieten
sich zu ihnen. »Was macht er denn da?«, flüsterte Mandal erregt.
»War das Magie?«
»Natürlich! Was denkst denn du, du Holzkopf!«, fuhr Laura ihn
an.
Er fletschte die Zähne und knuffte sie – Laura antwortete, indem sie ihn schubste, sodass er grinsend auf dem Hosenboden
landete.
Azrani deutete zum Dorfplatz. »Da, seht!
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