Idol
daß er in dieser unglückseligen Affäre weniger
der Verführer als vielmehr der Verführte ist? Zweifellos sei diese Liaison ein Skandal, doch wäre der Skandal kleiner, wenn
er wegen ihres Geldes eine Frau heiratete, die dem Alter nach seine Mutter sein könnte?
Von niemandem sonst hätte Seine Eminenz solche Widerrede geduldet. In Wirklichkeit, glaube ich, war er fasziniert von dieser
Mischung aus Sanftmut und Unbeugsamkeit. Ich bin fest davon überzeugt, daß der Kardinal als strenger Franziskaner niemals
Gefühle der Liebe kennengelernt hat, wie ich sie vor meinem Unfall für die Contessa V. empfand. Und in seinem Alter, als gebeugter,
gelähmter kranker Greis, für den es eine ungeheure Anstrengung bedeutete, vom Stuhl aufzustehen, die Krücken zu nehmen und
ein paar Schritte im Garten auf und ab zu gehen, vermochte er dieses Gefühl erst recht nicht bei seinem wahren Namen zu nennen.
Wie hätte er eine Neigung, die frei war von körperlichem Begehren, Liebe nennen können? So durfte der Kardinal in der Lauterkeit
seines Herzens Vittoria lieben und sie sich von ihm lieben lassen, denn das Amt dieses großen Mannes, sein Alter und sein
Gesundheitszustand gaben ihr Sicherheit. In gewissem Maße erwiderte sie sogar die fordernde, eifersüchtige, besorgte und herrische
Zuneigung, die er ihr entgegenbrachte. Wie sonst hätte sie bei ihrem Stolz geduldet, daß er auf dem Weg über ihren Mann die
Personen, mit denen die Perettis Umgang haben durften, derart streng aussuchte? Was für ein Unterschied zu Vittorias Leben
vor der Eheschließung, als im Palazzo Rusticucci offene Tafel gehalten und |72| jedermann willkommen geheißen wurde, sofern er nur vornehm genug war, sich um ihre Hand bewerben zu können. Und was für Opfer
hatte sie seit sechs Jahren einer Ehe bringen müssen, in der sie weder die Glückseligkeit der großen Liebe noch die Freuden
der Mutterschaft kennengelernt hatte!
Wegen der vom Kardinal verhängten Beschränkungen gab es nicht einmal zwanzig Personen in Rom, die sich der seltenen Ehre rühmen
konnten, Vittoria besuchen oder bei sich empfangen zu dürfen. Die Gemahlin eines Sultans, dachte ich oft, lebt nicht eingesperrter
als Vittoria, und obwohl ich um nichts in der Welt diese Vermutung vor dem Kardinal geäußert hätte, sagte ich mir, daß all
diese Vorsichtsmaßnahmen vergeblich seien: keine Mauer ist für Satan unüberwindlich, wenn er in der Festung schon Komplizen
hat. Wer wüßte das besser als ich?
Am 19. März 1581 – dieses Datum werde ich gewiß lange nicht vergessen, weil Seine Eminenz sich an dem Tag völlig ungerechtfertigt
und auf das heftigste über mich erzürnte – las Vittoria, nachdem sie die inquisitorischen Fragen des Kardinals beantwortet
hatte, auf lateinisch aus den »Bekenntnissen« des heiligen Augustinus vor, wobei er sie wie einen Kleriker auf jeder Seite
unterbrach und einen Kommentar verlangte; da erschien ein für fünf Uhr angemeldeter Besucher.
Hier muß ich erklären, daß der Kardinal jegliches Protokoll und Gepränge haßte (was Gregor XIII. eine manierierte Heuchelei
nannte); deshalb fanden sich die von ihm in Audienz zu empfangenden Personen zu der vereinbarten Zeit ein, ohne nochmals von
einem Majordomus angekündigt zu werden; nur peinlichste Pünktlichkeit war ihnen angeraten.
Kardinal Montalto empfing sehr viele Menschen, vor allem erlauchte Fürsten aus Italien und dem Ausland fühlten sich von seiner
vielgerühmten Weisheit und Erfahrung angezogen. Er pflegte diese Beziehungen sowohl durch seine Audienzen als auch durch eine
umfangreiche Korrespondenz. Böse Zungen am Hofe behaupteten deshalb, er sichere sich Verbündete für den Fall, daß »ein großes
Unglück« geschähe. Hätte man daraufhin gefragt: »Was für ein großes Unglück?«, wäre man nur auf verschlossene Münder, zuckersüße
Mienen, abgewandte Blicke, wenn nicht gar auf Achselzucken ob der dummen Frage gestoßen. Außer dem Sieg der ketzerischen Hugenotten
gab es |73| nur
ein
großes Unglück, das man im Vatikan fürchtete; niemand sprach darüber, aber alle dachten ständig daran: das Ableben Gregors
XIII.
Dieses große Unglück würde nämlich ein großes Problem aufwerfen: die Frage der Nachfolge. Und die Art, wie Kardinal Montalto
seine Freundschaft mit den Mächtigen dieser Welt kultivierte, legte den Schluß nahe, er wolle sich selbst um die Nachfolge
bemühen. Freilich sind die Kardinäle bei der Papstwahl
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