Idol
hinstreckte. Sie war kalt und trocken und erwiderte meinen
Druck nicht. Dieser Geck war zweifellos tapfer und achtete sein Leben gering.
»Setz dich, Lodovico, und hör zu«, nahm Paolo das Gespräch wieder auf. »Noch nie stand ich so kurz davor, dem Staat offen
den Krieg zu erklären. Zunächst: ich werde bei Montalto nicht mehr vorgelassen. Ja, Lodovico, du hast richtig gehört! Und
das einem Orsini! Weiter: er hat seine Nichte im Palazzo Rusticucci eingeschlossen, angeblich weil er glaubt, ich wolle sie
entführen!«
»Was du natürlich nie tun würdest«, sagte ich spöttisch.
»Nein, niemals!« ereiferte sich Paolo. »Ich habe es Marcello gesagt, und ich wiederhole es hier vor dir: meine Absichten sind
ehrenhaft.«
Dazu hätte ich sehr viel zu sagen gehabt. Doch ich schwieg lieber: ich hätte sonst vor Wut mit den Zähnen geknirscht. Meine
Meinung stand fest: diese Vittoria war nichts als eine skrupellose Abenteurerin und Marcello ein Zuhälter. Ein Zuhälter in
zweifacher Hinsicht: weil er sich von der Sorghini aushalten ließ und weil er seine eigene Schwester diesem wahnsinnigen Paolo
preisgab, um für sie eine Herzoginnenkrone aus dem Schmutz zu klauben. Paolo war zum Spielball in den Händen dieser unheilbringenden
Zwillinge geworden, dieser Habenichtse aus einer Majolikamanufaktur in Gubbio. Welch absurder Gedanke: ein Fürst Orsini träumt
davon, eine Metze wie diese Vittoria zu seiner zweiten Herzogin zu machen, und vergißt dabei, daß diese hergelaufene Person
seinem Sohn Virginio – ein Orsini vom Vater her und über die Mutter mit den Medici verwandt! – eines Tages das väterliche
Erbe streitig machen könnte.
»Hörst du mir überhaupt zu, Lodovico?« fragte Paolo ungeduldig. »Oder soll ich tausendmal dasselbe erzählen? Nicht genug damit,
daß der Kardinal seine Nichte hier in Rom einsperrt – er läßt sie morgen in aller Herrgottsfrühe unter starker Eskorte nach
Santa Maria bringen und setzt sie mit ihrer Familie in einem Palazzo gefangen. Und die Eskorte – hör gut zu, Lodovico! – besteht
überwiegend aus Soldaten des päpstlichen Heeres. Der Papst selbst stellt sich meinen Plänen in den Weg. Diese Beleidigung
tut er mir an! Mir, einem Orsini! |133| Aber er täuscht sich, wenn er glaubt, daß ich dem untätig zusehe!«
»Was gedenkst du zu tun?«
»Die Eskorte angreifen.«
»Das genau erwartet er von dir, Paolo«, sagte ich kalt. »Und wo willst du angreifen, unterwegs oder in Santa Maria?«
»Ich weiß noch nicht.«
»Dann will ich es dir sagen: beides ist unmöglich. Ich kenne die Gegend wie meine Westentasche. Vor zwei Jahren war ich dort
zur Jagd.«
»Eben deswegen habe ich dich rufen lassen«, lächelte Paolo.
»Paß auf, Santa Maria ist eine Festung. Der Palast steht auf einer Klippe, die steil zum Meer abfällt, das an der Stelle
sehr wild ist. Hohe Mauern umschließen ihn, und die einzige Zufahrtsstraße endet an einer Felsschlucht mit einer Zugbrücke.
Das ganze unfruchtbare, karge Land ringsum gehört Montalto.«
»Nun, dann greife ich an, bevor der Konvoi dort eintrifft«, sagte Paolo.
»Das wäre noch aussichtsloser. Die enge schmale Straße verläuft zwischen dem Meer und unbewohnten Felsenhügeln, zu denen kein
Weg und kein Pfad abgeht.«
»Um so besser«, entgegnete Paolo, »das ist ja ausgezeichnet! Keine Rückzugsmöglichkeiten für die Eskorte, wenn wir angreifen,
weder nach dieser Seite noch zum Meer hin.«
»Doch auch keine für dich, Paolo …«
Er horchte auf.
»Was willst du damit sagen? Daß ich geschlagen werden könnte? Ich habe genug Männer in Montegiordano, um die Eskorte mit fünffacher
Übermacht anzugreifen.«
»Die vielen Männer nützen dir gar nichts. Du kannst sie nicht aufmarschieren lassen. Stell dir die Gegend vor: eine enge Straße
zwischen unzugänglichen Hügeln und dem Meer. Außerdem wirst du höchstwahrscheinlich selber angegriffen, und zwar von hinten.«
»Und von wem?«
»Von den päpstlichen Truppen natürlich. Du glaubst doch nicht, daß der Papst nichts erfährt, wenn du im Morgengrauen an der
Spitze einer großen Schar von Montegiordano aufbrichst. Er wird einen Teil seiner Soldaten hinter dir herschicken, um |134| dich von hinten anzugreifen; der andere Teil bleibt in Rom, um erst deinen und anschließend meinen Palazzo einzunehmen.«
Wir schwiegen. Nachdenklich durchmaß Paolo mit langen Schritten den Saal. Ich hatte ihn überzeugt, ich wußte es. Ohne noch
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