Idol
sich mir zu. Güte, Aufrichtigkeit und fast alle anderen Tugenden sprachen aus diesem ehrlichen Gesicht. Ihm fehlte
es nur an Kraft.
»Aber handelt sie denn unrecht an mir?« zweifelte er. Ich stellte verblüfft fest, daß er sich zu seiner Gattin immer noch
sehr loyal verhielt, obwohl sie es überhaupt nicht mehr war, und sie auch weiterhin ohne Fehl und Tadel sah.
»Hör mal,
carissimo «
, sagte ich und nahm seinen Arm, »du hast es mir doch selbst gesagt: sie hat auf Schleichwegen den Brief eines Verehrers erhalten
und ihn geöffnet, obwohl sie genau wußte, wer ihn geschrieben hatte und warum.«
»Aber sie hat ihn verbrannt«, sagte er mit einer herzzerreißend naiven Aufwallung von Hoffnung.
»Ja, doch das schafft die Tatsache nicht aus der Welt, daß sie den Brief gelesen hat; und zwar mit Vergnügen, denn sie hat
ihn zweimal gelesen.«
»Sie hat es gebeichtet«, warf er ein.
»Ihrem Pfarrer. Dir nicht!«
»Sie wollte mich nicht verletzen«, sagte er mit abgewandtem Blick.
Ich schaute ihn an. Ich konnte nicht länger ertragen, wie er sich an seine Illusionen klammerte; es machte mich zornig. Deshalb
sagte ich rücksichtsloser als beabsichtigt:
»Also läßt sie dich seit dem 19. März nur deswegen nicht mehr in ihr Schlafzimmer, weil sie dich nicht verletzen will?«
Er zuckte zusammen, als hätte ich ihn geohrfeigt, blinzelte mit den Augen, befreite seinen Arm und wandte sich zur Seite;
offensichtlich empfand er große Scham, vor mir sein Leid zu zeigen, und ich machte mir Vorwürfe ob meiner Brutalität. Alsbald
jedoch vermeinte ich, daß solche Vorwürfe nicht mir, sondern Vittoria zu gelten hätten: wie konnte sie, die so hochherzig
war, so grausam zu ihm sein? Gleichzeitig spürte ich den falschen Unterton in meiner Kritik. Auch ich war sehr hart zu Francesco
gewesen. Abscheulich, zu einem so gütigen Mann |139| hart zu sein! Er war jedoch nicht nur gütig. Er war schwach. Und seine Charakterschwäche hatte Vittoria zu dieser Reaktion
gleichsam herausgefordert. Wie soll man ihr, die ihn gegen ihren Willen hatte heiraten müssen und ihn nicht liebte, ein gewisses
Unverständnis für seine Gefühle zum Vorwurf machen?
Francesco wandte sich mir wieder zu, lehnte sich gegen die Mauerrundung der Burgwarte und sagte tonlos:
»Warum hätte ich meinem Onkel nicht versprechen sollen, Vittoria nichts von dem Brief zu sagen? Wäre es nicht sehr lieblos
von mir, sie merken zu lassen, daß ich ihr Geheimnis kenne?«
Im ersten Moment war ich sprachlos. Armer Francesco! Welche Skrupel! Und wie wenig kannte er die Frauen! Zartsinn ist eine
Tugend, die sie bei Männern hoch schätzen, selbst aber nur selten üben, zumal wenn Leidenschaft oder Eigennutz sie hinreißen.
Beim Mann schätzen sie diese Tugend als Garantie dafür, daß sie immer gut behandelt werden, selbst wenn sie es nicht mehr
verdienen. Schließlich sagte ich: »Francesco, wenn du dein Versprechen hältst und Stillschweigen über den Brief wahrst, bist
du in einer sehr schwachen Position, wenn es zur offenen Auseinandersetzung mit Vittoria kommt.«
»Eine offene Auseinandersetzung!« rief er und riß die Augen auf. »Wie du dich ausdrückst, Giulietta! Ich habe nie Streit mit
Vittoria gesucht!«
»Aber sie wird Streit mit dir suchen, heftigen Streit, da kannst du sicher sein. Das bringt dir dein Schweigen dann ein …«
Ich hatte mich nicht getäuscht. Die Szene fand am nächsten Tag in meiner Gegenwart in Vittorias Zimmer statt, als wir dabei
waren, es etwas wohnlicher zu gestalten. Francesco klopfte und trat ein. Er grüßte uns, wandte sich an Vittoria und fragte
mit seltener Unbeholfenheit, ob sie sich in ihrem neuen Zuhause wohl fühle.
»Ob ich mich wohl fühle, Signore?« sagte sie hochmütig und starrte ihn mit funkelnden Augen an. »Ich kann mich hier nur elend
fühlen, sterbenselend. Die Mauern sind feucht, die Zimmerdecken verschimmelt. Die Fenster schließen nicht. Wir haben sie gewaltsam
öffnen müssen, und nun gehen sie nicht mehr zu, weil das Holz verquollen ist. Ich wollte Feuer machen lassen, doch es ist
kein Holz mehr da. Zu allem Unglück ist |140| auch noch eine meiner Truhen unterwegs verlorengegangen. Ich habe nichts mehr anzuziehen. Aber das berührt mich kaum: wozu
und für wen sollte ich mich herausputzen? Ich sehe niemanden mehr: Ihr habt mich erst in meinem Palazzo in Rom eingeschlossen,
und als sei das nicht genug gewesen, verbannt Ihr mich nun in diese
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