Idol
aber von den Wellen auf
einen Felsen geschleudert worden, dessen scharfer Grat ihm das Glied abriß. Ich befand mich an Bord der Galeere, als man ihn
aus dem Wasser zog. Der Schiffsarzt verband ihn und gab, als er fertig war, auf meinen fragenden Blick leise zur Antwort:
»Er ist nur ohnmächtig. Er wird überleben, aber er ist kein Mann mehr.« Ich schaute zu Raimondo, der neben mir stand, und
sagte: »Gott sei Dank.« Als ich erwachte, rief ich mir meinen Traum ins Gedächtnis zurück, stand auf und brachte ihn zu Papier.
Vielleicht ist das eine Prophezeiung, dachte ich und wollte der Zukunft gewissermaßen vorgreifen.
Giulietta Accoramboni:
Ich kenne jetzt den Grund für die strenge Klausur im Palazzo Rusticucci und die daraus erwachsende unerträgliche Spannung,
den Grund für Vittorias Schweigsamkeit und den plötzlichen Aufbruch nach Santa Maria; allerdings kränkt es mich sehr, daß
nicht Vittoria mich aufgeklärt hat, die unsere alte, tiefe Verbundenheit fast völlig vergessen zu haben scheint, sondern Francesco
Peretti. Er hat auf Befehl des Kardinals seine Mutter und seine Schwiegermutter in Rom zurücklassen müssen (wo vermutlich
die eine die andere zu Tode hacken wird), und da Vittoria nicht mehr mit ihm spricht, ist er in Santa Maria so isoliert und
verzweifelt, daß er mich notgedrungen zu seiner Vertrauten gemacht hat.
Ich kenne also die Geschichte des Briefes, den Vittoria empfangen, gelesen und verbrannt hat. Eine Geschichte, deren ganze
Tragweite und Bedrohlichkeit einem erst klar wird, wenn man die Persönlichkeit des Fürsten Orsini, seine Macht im Staat, seine
zügellose Leidenschaft für Frauen und seinen rebellischen, abenteuerhungrigen Charakter kennt.
Francesco hat mir die Vorgänge nur in Andeutungen erzählt, denn der Kardinal hatte ihm das Versprechen abgenommen, |137| Vittoria gegenüber niemals zu erwähnen, daß er von der Existenz des Briefes weiß, weil Seine Eminenz offenbar nicht die Informationsquelle
verraten will: Pfarrer Racasi oder Caterina Acquaviva oder vielleicht beide. Francesco hat auch mir, als er mir von dem bewußten
Brief sprach, Stillschweigen abverlangt.
Unser Gespräch fand auf einem ersten Rundgang durch Santa Maria statt; wir hatten einen kleinen Wachtturm hoch auf der Klippe
bestiegen und sahen von oben zu, wie das Meer sich an den Felsenriffen brach und den flockigen weißen Schaum in einer winzigen
Bucht zu Bergen auftürmte. Nach Auskunft des Majordomus von Santa Maria pflegte der Bischof, der vor Montalto Herr über die
Gegend gewesen war, in dieser Bucht, vor neugierigen Blicken geschützt, zu baden. Und tatsächlich: als ich mich vorbeugte,
entdeckte ich unter der Gischt die Stufen in der Felswand, die dem Prälaten den Zugang zu dem kleinen Strand ermöglicht hatten.
Vermutlich gab es da unten einen schmalen Sandstreifen, der im Moment vor lauter Schaum nicht zu sehen war. Der Wachtturm
ist in früheren Zeiten, als diese wenig einladende Küste Überfälle durch maurische Piraten zu gewärtigen hatte, wahrscheinlich
besetzt gewesen. Ich wurde in dieser Annahme bestärkt durch ein Schilderhäuschen aus Stein in einer Ecke der Terrasse, auf
der wir uns befanden; ein heftiger Nordost pfiff uns ins Gesicht, obwohl wir schon Mai hatten.
»Mein armer Francesco«, schrie ich ihm ins Ohr, denn das Getöse der Brandung und der heulende Wind machten uns fast taub,
»ich will dir gern Schweigen geloben! Für mich ändert das nichts. Aber von dir war es ein großer Fehler, dem Kardinal das
Versprechen zu geben; und noch verkehrter wäre es, dein Versprechen zu halten.«
»Komm«, sagte er und nahm mich an der Hand, »wir wollen uns unterstellen, ich kann dich kaum verstehen.« Er führte mich in
das Wächterhäuschen, wo wir relativ geschützt standen, weil die drei Öffnungen zur See durch Dachluken verschlossen waren.
Ich sage relativ, denn am Eingang zu diesem Zinnentürmchen fehlte die Tür, so daß immer wieder heftige Windböen einbrachen.
Ich wiederholte Francesco, der mir mit einem ängstlich fragenden Gesichtsausdruck zuhörte, meine Worte. Er tat mir sehr |138| leid, denn wie gesagt, seit der strengen Abschirmung des Palazzo Rusticucci hatte Vittoria nicht mehr mit ihm gesprochen.
»Aber warum das?« fragte er schließlich. »Warum hätte ich es ihm nicht versprechen sollen?«
»Weil du nun Vittoria gegenüber das Unrecht, welches sie dir antut, nicht benennen kannst.«
Er wandte
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