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Idol

Idol

Titel: Idol Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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Einöde.«
    Ich schaute sie an. Sie war hinreißend in ihrer Heftigkeit, superb in ihrer beseelten Schönheit. Aber leider auch superb in
     dem Sinne, den dieses Wort als Beiname ihrer Mutter in Gubbio bekommen hatte.
    »Signora«, sagte Francesco mit plötzlich veränderter Stimme, »wißt Ihr denn nicht, wer diese Maßnahmen veranlaßt hat und warum?«
    Ich dachte, dieses »warum« würde Vittorias Elan stoppen oder zumindest bremsen. Doch das war nicht der Fall. In ihrem Zorn
     überging sie das »warum« geschickt und wählte statt dessen das »wer« als Angriffspunkt.
    »Wer, Signore?« schrie sie. »Wer? Wer drängt sich als Dritter in unsere Ehe? Kein anderer als der Kardinal, der sich mit Eurer
     Einwilligung die Rechte eines Gatten anmaßt. Ihr freilich seid ja kein richtiger Ehemann, geschweige denn Vater.«
    Sie hatte sich ihm seit anderthalb Monaten verweigert und warf ihm jetzt vor, kein richtiger Ehemann zu sein! Die Grausamkeit,
     die Ungerechtigkeit und – warum soll ich es nicht trotz meiner Zuneigung zu Vittoria aussprechen? – die Niederträchtigkeit
     dieses Angriffs lähmten Francesco und machten ihn völlig wehrlos. Er erbleichte, wollte beinahe wieder gehen, und wenn er
     den Mut zu bleiben fand, dann nicht, um sich zu verteidigen oder gar einen Gegenangriff zu starten, sondern um seinen Onkel
     in Schutz zu nehmen.
    »Ihr wißt genau, Signora«, sagte er mit bebender Stimme, »daß der Kardinal Euch wie eine Tochter liebt. Und Ihr müßt auch
     wissen, daß er die Maßnahmen, über die Ihr Euch beschwert, veranlaßt hat, weil er Eure Ehre in Gefahr glaubt.«
    »Meine Ehre, Signore!« rief Vittoria. »Seit wann und warum wäre sie in Gefahr? Und wollt Ihr sie schützen, indem Ihr mich
     einkerkert und von Soldaten bewachen laßt?«
    Ich bewunderte sie und war zugleich über ihre Unverschämtheit bestürzt. Sie hatte die Stirn, selbst nach dem »warum« zu fragen,
     dem sie zunächst ausgewichen war. Gleichzeitig sprach |141| sie eine versteckte Drohung aus, indem sie die Fragen auf infame Art durcheinanderbrachte: sie ließ durchblicken, daß dieser
     Kerker nicht das wirksamste Mittel sei, ihre Tugend zu bewahren.
    Ich brauchte nur Francescos ehrliches Gesicht anzusehen, um zu wissen, was in ihm vorging. Er war feinfühlig genug, die Unaufrichtigkeit
     zu bemerken, mit der Vittoria sich jetzt den Anschein eines guten Gewissens gab. Doch nicht Zorn erfüllte ihn: er schämte
     sich für sie. Er schlug die Augen nieder. ›Ach, Francesco‹, dachte ich wütend, ›das ist die Gelegenheit loszuschlagen, jetzt
     oder nie! Zeig ihr deine Verbitterung, weise ihre Hoffart in die Schranken, sprich von dem bewußten Brief, den sie geöffnet
     und zweimal gelesen hat und der sie so wunderbar verwirrt hat. Und warum sagst du ihr nicht auch, ganz nebenbei, daß niemand
     wissen kann, wer von euch beiden schuld ist an der Unfruchtbarkeit eurer Ehe?‹
    Doch ich hoffte vergeblich. Wie hätte ein so vollendeter Edelmann wie Francesco das Wort brechen können, das er dem über alles
     verehrten Onkel gegeben hatte? Unglücklich stand er da, mit niedergeschlagenen Augen, als wäre er der Schuldige.
    »Ihr schweigt, Signore«, sagte Vittoria, »und Ihr tut gut daran, glaube ich. Ich fordere Euch zum letzten Mal auf, mich nicht
     länger wie eine Verbrecherin zu behandeln, denn ich bin nicht schuldig. Ich verlange, daß Ihr mich morgen nach Rom zurückbringt.«
    Ich sah Francesco an. Dieses »nicht schuldig« schien ihn zum ersten Mal zornig zu machen; doch unfähig, eine Frau zu tadeln,
     der er sich im Laufe der Jahre völlig unterworfen hatte, sagte er nur, nicht einmal unfreundlich, sondern beinahe bedauernd:
    »Das ist unmöglich, Signora.«
    Mit einer linkischen Verbeugung zog er sich zurück. Vittoria hatte zwar nicht ihre Rückkehr nach Rom erzwungen, aber ihr moralischer
     Vorteil war beträchtlich. Es war ihr gelungen, sich als unschuldsvolle Märtyrerin darzustellen, die von einem grausamen Ehemann
     zu Unrecht verfolgt wird. Diese »Verfol gung « war ihr nützlich: sie rechtfertigte im nachhinein die Freiheiten, die sie sich hinsichtlich ihrer ehelichen Pflichten genommen
     hatte, und erlaubte ihr zugleich, ihre schwachen Gewissensbisse zum Schweigen zu bringen.
    |142| Ihr Onkel, der Kardinal, den sie bisher so zärtlich verehrt hatte, war in ihren Augen nur mehr ein ungerecht strafender Tyrann.
     Gewiß, Montalto war sehr herrisch und liebte es, die Menschen zu bevormunden. Auch mich wollte er

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