Im Tal des Fuchses: Roman (German Edition)
der seltsamen Konstellation sagen würde, in der ich lebte. In einer rein platonischen Beziehung zu einem Mann, den ich höchst anziehend fand, dessen spurlos verschollene Ehefrau mich jedoch derart in Schach hielt, dass ich es nicht wagte, mich ihm unsittlich zu nähern. Garrett hätte das faszinierend gefunden und sowohl mich als auch sämtliche andere Protagonisten in dem Stück ausführlich analysiert. Ich merkte plötzlich, dass ich gern mit ihm darüber geredet hätte, dass mir überhaupt die Gespräche mit ihm fehlten. Garrett konnte entsetzlich zynisch sein, und er war es oft genug auch auf meine Kosten gewesen, aber er war außerdem an allem, was um ihn herum geschah, hoch interessiert und nahm intensivsten Anteil. Wir hatten nächtelang miteinander geredet, ohne dass es je langweilig geworden wäre. Ich hatte mich nach der Trennung manchmal entsetzt gefragt, was ich wohl für eine gestörte, vielleicht kranke Persönlichkeitsstruktur haben musste, dass ich es acht Jahre lang nicht geschafft hatte, mich von einem aufgeblasenen Wichtigtuer zu trennen. Jetzt verstand ich, dass ich gar nicht so streng mit mir zu sein brauchte. Es war einfach so, dass Garrett seine guten Seiten gehabt hatte, und sie hatten lange Zeit die schlechten für mich aufgewogen oder zumindest relativiert. Als sie es nicht mehr vermochten, war ich gegangen.
Als ich die Wohnung betrat, klingelte das Telefon. Ich ließ meine Plastiktüte mit den Einkäufen fallen und erreichte gerade noch den Apparat, ehe der Anrufbeantworter ansprang.
»Ja?« Meine Stimme klang keuchend. Das kam vom Treppensteigen.
»Jenna? Ich bin es, Matthew. Störe ich gerade?«
»Nein. Überhaupt nicht. Ich bin eben zur Tür reingekommen.« Ich bemühte mich, nicht zu schnaufen wie eine alte Lokomotive. Matthew hatte mir einmal erzählt, dass Vanessa jeden Morgen fünf Kilometer gejoggt war. Sicher wäre sie die Treppen zu meiner Wohnung in federnden Sprüngen hinaufgelaufen, und ihre Atmung hätte sich um nichts geändert. Ich hingegen pfiff aus dem letzten Loch.
Wieder mal ein fetter Minuspunkt.
»Wie war dein Tag?«, fragte er. Er klang dabei irgendwie unkonzentriert. Er hatte etwas Konkretes auf dem Herzen, wollte aber nicht direkt mit der Tür ins Haus fallen.
»Normal. Okay. Nichts Besonderes. Und wie war dein Tag?«
»Nicht gut. Ich wurde von dem Pflegeheim angerufen, in dem Vanessas Mutter lebt. Lebte. Sie ist gestern Abend gestorben.«
»Matthew – das tut mir leid!« Ich konnte seiner Stimme anhören, dass ihm dieser Verlust wirklich naheging. Nicht, weil ihm die demente alte Frau, die er seit jenem verhängnisvollen Sonntag im August 2009 gar nicht mehr gesehen hatte, wirklich fehlen würde. Aber sie war Vanessas Mutter. Ein Teil von Vanessa, der nun auch gegangen war.
»Sie ist sanft eingeschlafen«, sagte Matthew. »Jedenfalls sagt das die Heimleiterin, und ich hoffe, dass es stimmt.«
»Sicher. Warum sollten sie dich belügen?«
»Im Heim kümmern sie sich um alle Formalitäten. Sie soll am kommenden Freitag beerdigt werden.«
»Wirst du hinfahren?«
Er seufzte tief. »Ich muss. Sie ist meine Schwiegermutter. Ich habe mich ohnehin viel zu wenig um sie gekümmert, seitdem … Ich habe mich gar nicht gekümmert, genauer gesagt. Ich muss jetzt wenigstens an ihrem Begräbnis teilnehmen.«
»Das wird nicht leicht für dich.« Es war klar, dass es nicht nur um den Abschied ging. Die Fahrt nach Holyhead hinauf würde eine Menge aufwühlen in Matthew. Von dort waren sie damals gekommen. Vanessas Mutter war der letzte Mensch gewesen, mit dem sie gemeinsame Zeit verbracht hatten, ehe die Katastrophe geschah. Er würde wieder überschwemmt werden von Bildern und Gefühlen.
»Nein«, gab er zu, »das wird absolut nicht leicht.« Er zögerte, dann fragte er: »Würdest du mich begleiten?«
Ich hatte das nicht erwartet. Ich war immer noch nicht die offizielle Partnerin an seiner Seite. Immerhin aber war ich eine gute Freundin. Freunde stehen einander bei in schwierigen Situationen. Andererseits …
»Es könnte problematisch werden«, gab ich zu bedenken. »Sicher kommen eine Menge Verwandte, und sie werden … nun, sie werden möglicherweise nicht verstehen, dass es eine andere Frau in deinem Leben gibt, ohne dass sich Vanessas Schicksal bislang zweifelsfrei geklärt hat. Sie unterstellen vielleicht …«
»Was? Dass wir eine Beziehung haben? Ich denke, das geht niemanden etwas an«, sagte Matthew. »Im Übrigen glaube ich kaum, dass viele Leute
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