Im Tal des Fuchses: Roman (German Edition)
besuchen. Stattdessen war er nach Mumbles gefahren. Die Adresse hatte sich seit jenem Sonntag in sein Gedächtnis eingebrannt und würde ihn bis zu seiner Todesstunde nicht mehr verlassen: die Adresse, die ihm eine völlig verängstigte Vanessa Willard genannt hatte, damit er ihren Mann kontaktieren und so schnell wie möglich alles in die Wege leiten konnte, um ihre Freilassung herbeizuführen.
Mumbles. Und er wusste auch noch die Straße und die Hausnummer. Er wusste nur nicht, ob Matthew Willard dort noch wohnte.
Kurz bevor er in die betreffende Straße eingebogen war, war ihm schlecht geworden; er hatte angehalten und sich aus dem Wagen gelehnt, hatte aber, da er den Tag über kaum etwas gegessen hatte, nur etwas Galle ins Gras gespuckt. Dann war er einen Moment lang im Auto sitzen geblieben, ohne weiterzufahren, hatte erwogen, sein Vorhaben abzubrechen. Was sollte es ihm bringen? Herauszufinden, ob Vanessa Willard lebte? Angenommen, er sah sie tatsächlich in ihrem Garten herumspazieren – was dann? Damit wusste er noch lange nicht, ob sie etwas mit den Überfällen auf Debbie und Corinne zu tun hatte. Sah er sie nicht, hieß das umgekehrt immer noch nicht, dass sie tot war. Und wäre sie wirklich damals befreit worden oder hätte sich sogar aus eigener Kraft befreien können, wäre das nicht längst zu ihm vorgedrungen? Zweifellos wäre die Geschichte durch alle Zeitungen des Landes gegangen, und auch im Gefängnis war man nicht so abgeschirmt, dass man nicht etwas davon mitbekommen hätte. Es sei denn, Vanessa hatte es nicht an die große Glocke gehängt. War unauffällig in ihr altes Leben zurückgekehrt oder sogar ganz woanders untergetaucht. Auf den Homepages verschiedener Organisationen, die sich mit spurlos verschwundenen Menschen beschäftigten, wurde sie noch immer als vermisst geführt, das hatte Ryan bereits überprüft. Konnte etwas aussagen. Musste aber nicht.
Letztlich war er weitergefahren, nun, da er schon so nah war. Das Haus hatte er sofort gefunden und als Erstes den schwarzen BMW in der Einfahrt gesehen. Den BMW , an den er sich so gut erinnerte. Die Willards wohnten hier also noch. Zumindest Matthew, der Ehemann.
Er hielt gegenüber dem Haus an und versuchte, die körperlichen Symptome einer extremen Stressreaktion in den Griff zu bekommen. Vielleicht handelte es sich sogar um eine beginnende Panikattacke. Sein Körper wurde innerhalb weniger Sekunden von Schweiß überschwemmt. Die Übelkeit verstärkte sich wieder. Im Rückspiegel konnte er sein Gesicht sehen. Es hatte eine ungesunde graue Farbe angenommen, die Haut glänzte feucht.
Seine Hände zitterten.
Es war schlimmer als damals. Schlimmer sogar als in den ersten Stunden nach der Tat, und auch da war es ihm sehr schlecht gegangen. Er versuchte, tief durchzuatmen.
Wenn es Vanessa ist, die dich schikaniert, wie hat sie herausfinden können, dass du dahintersteckst? Und warum zeigt sie dich nicht einfach an? Weil ihr eine Gefängnisstrafe nicht ausreichen würde? Weil sie eine andere Rache will, grausamer und böser, als es eine Haftstrafe sein kann? Und wie macht sie das? Woher kennt sie die Verbrecher, die sie engagiert hat? Wovon bezahlt sie sie? Ist das alles zu weit hergeholt?
Vielleicht. Aber es ist nicht ausgeschlossen. Sie hatte Zeit. Über zwei Jahre. Um alles zu planen und in die Wege zu leiten.
Er hatte kurz die Augen geschlossen, um sich auf seine Atemübungen zu konzentrieren – er hatte sie während des Anti-Aggressions-Trainings gelernt, aber sie schienen ihm auch für diese Situation tauglich –, und als er wieder zum Haus hinüberblickte, sah er ihn: Matthew Willard. Den Mann, den er vermutlich in einen Abgrund von Verzweiflung gestürzt hatte. Er zweifelte nicht daran, dass es sich um ihn handelte. Schon wegen des riesigen, langhaarigen Schäferhundes, der an seiner Seite lief. Vanessa hatte den Hund damals erwähnt. Wieder begriff Ryan, dass er mehr Glück als Verstand gehabt hatte: Das Tier hätte ihn zerlegt, wenn es ihn dabei überrascht hätte, wie er gerade sein Frauchen betäubte und in sein Auto schaffte.
Auf der anderen Seite von Willard ging eine Frau.
Und sie war eindeutig nicht Vanessa.
Er war tiefer in seinen Sitz gerutscht und hatte angestrengt hinübergespäht. Die Frau war kleiner als Vanessa und deutlich jünger. Darüber hinaus ein völlig anderer Typ: dunkelbraune lange Haare, dunkle Augen, soweit er das erkennen konnte, dazu aber eine sehr helle Haut. Die Frau mochte um die dreißig
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