In deiner Hand
Gefühl, als Erik von mir trank, es gelang mir nie ganz die Übelkeit zu bekämpfen.
Gut, beim letzten Mal hatte ich überhaupt nichts mehr empfunden. Aber das machte die Sache an sich nur schlimmer. Ich würde den Anblick von Eriks blutverschmiertem Gesicht und dem entschuldigenden Blick nie vergessen, bevor er seine Lippen über die offene Schnittwunde legte und daraus trank wie aus einer Coladose.
Fröstelnd schüttelte ich den Kopf und trampelte auf der Stelle. Es würde kein drittes Mal geben. Ich konnte es einfach nicht ertragen. Und deswegen musste Erik sterben.
Fünf Tage, meinte Oliver. Nur fünf Tage!
Wie fühlte sich das wohl an, wenn man genau wusste, dass einem die Zeit davon lief und es nichts auf dieser Welt gab, das man dagegen tun konnte? Wie musste sich Erik in diesem Augenblick fühlen? Und ich, die sein Leben in den Händen hielt und den Tod für ihn bedeutete, die ihn links liegen ließ. Ihn verließ. Ihm den Tod wünschte! Ihnen allen den Tod wünschte. Wie fühlte ich mich dabei?
Ich hörte Schritte, die sich näherten. Jemand kämpfte wohl gerade gegen die erdrückende Aura der Schule an und versuchte auf dieser Seite der Straße zu bleiben. Ein junger Kerl, mit blonden abstehenden Haaren und Tunnel in den Ohrläppchen näherte sich. Als er mich erblickte grinste er breit und beschleunigte seine Schritte. Erst befürchtete ich, einem weiteren Blutsauger zu begegnen, doch je näher er kam, desto mehr verdüsterte sich sein Gesicht. Er grinste nicht mehr und begann hochkonzentriert auf den Boden zu starren. Als er an mir vorüber schritt, hatte er den Kopf eingezogen und die Schultern so hochgedrückt wie irgend möglich. Er erweckte den Eindruck, dass er lieber sonstwo auf den Bus warten würde als hier. Er hielt sogar größtmöglichen Abstand zu mir. Das störte mich natürlich überhaupt nicht! Somit blieben mir blöde Baggersprüche erspart. Als der Bus kam, hechtete der Kerl regelrecht darauf zu. Im ersten Augenblick befürchtete ich sogar, er wolle sich davor werfen.
Kopfschüttelnd stieg ich ein und sah den Busfahrer amüsiert an. Der jedoch starrte völlig entsetzt in meine Richtung. Verwirrt drehte ich mich um, davon überzeugt, irgendeine Ausgeburt der Hölle hinter mir stehen zu haben, aber da war niemand. Der Busfahrer starrte mich an! Er wollte keinen Fahrausweis sehen, er wollte nicht einmal das Geld, das mir Donna noch in die Hand gedrückt hatte, damit ich nicht nach Hause laufen musste. Er starrte mich einfach nur an.
Ich suchte mir einen Platz soweit hinten wie möglich und blickte verunsichert aus dem Fenster. Mein Gesicht spiegelte sich darin und ich konnte ums Verrecken nichts Ungewöhnliches feststellen. Wieso zum Teufel hatte der mich dann angesehen, als sei mir ein Haifischgebiss gewachsen? Sofort schnellte mein Herz in die Höhe, ich senkte den Kopf hinter die Sitzlehne meines Vordermanns und befingerte meine Zähne. Was völlig absurd war. Erik hatte mich ja nicht vergiftet. Wieso sollten mir also Reißzähne wachsen? Natürlich waren sie in Ordnung. Trotzdem wurde ich ob der ängstlichen Schulterblicke der wenigen Fahrgäste zunehmend nervöser. Was war hier los? Wieso glotze man mich an wie eine gruselige Zirkusattraktion?
An meiner Haltestelle angekommen, sprang ich dieses Mal fluchtartig aus dem Bus und legte den Rest des Heimweges im Laufschritt zurück. Ich stürmte ins Haus und die Treppen rauf ins Badezimmer, wo ich in den Spiegel sah. Nichts Merkwürdiges zu erkennen! Ich sah völlig normal aus! Und während ich so dastand und mein Gesicht knetete, wurde mir langsam aber sicher bewusst, dass die Haustür nur angelehnt gewesen war. Urplötzlich schoss die Erinnerung an meine Entführung in mir hoch, an das Chaos, dass die Blutsauger bei meiner Verfolgung durch das ganze Haus hinterlassen hatten. Sofort war die Angst wieder da. Ich griff nach der winzig kleinen Nagelschere auf dem Waschbeckenrand, umklammerte sie fest und schlich die Treppe wieder runter. Von dem Chaos war nichts zu sehen, überhaupt nichts. Dabei hatten die Kerle fast das ganze Wohnzimmer auseinander genommen und sogar den Läufer im Flur zerfetzt. Der Fernseher sah aus wie neu, ebenso die Möbel, die Verandatür, einfach alles. Das war unfassbar. Ich begann gerade an meiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln, als ich das Splittern von Glas aus der Küche hörte. Mit angehaltenem Atem schlich ich zur angelehnten Küchentür. Ich hörte das leise Fluchen einer Frau und dann das Kehren des Besens,
Weitere Kostenlose Bücher