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Irrgarten Der Liebe

Titel: Irrgarten Der Liebe Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Otto Julius Bierbaum
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seh ich, wie ich schritt
    Unfest mit Füßen klein,
    Und seh mein Kindesaug
    Und seh die Hände mein,
     
    Und höre meinen Mund,
    Wie lauter klar er sprach,
    Und senke meinen Kopf
    Und denk mein Leben nach:
     
    Bist du, bist du allweg
    Gegangen also rein,
    Wie du gegangen bist
    Auf Kindes Füßen klein?
     
    Hast du, hast du allweg
    Gesprochen also klar,
    Wie einsten deines Munds
    Lautleise Stimme war?
     
    Sahst du, sahst du allweg
    So klar ins Angesicht
    Der Sonne, wie dereinst
    Der Kindesaugen Licht?
     
    Ich blicke, Sichel, auf
    Zu deiner weißen Pracht;
    Tief, tief bin ich betrübt
    Oft in der stillen Nacht.
     
     
In Thomas Werkstatt
    (Vor dem »Kinderreigen« und dem »Jüngling mit den Märchenvögeln«).
     
    Wie Kinder sich fassen
    An ihren unschuldigen Händen,
    So, meine Stunden,
    Wünscht ich euch eilenden,
    Daß ihr, zum heitersten Spiele verkettet,
    Tanzend euch zögt über blumige Wiesen,
    Klarheit über euch,
    Unschuld in euch,
    Reiner Seele voll,
    Junger Frische voll,
    Lachend.
     
    Ach, mein Himmel ist nicht so klar,
    Und meine Stunden sind nicht so rein;
    Unschuld, Kindheit, Spiel und Tanz
    Sind mir wie entschwebende Wolken,
    Denen die Arme zum Himmel auf
    Meine Sehnsucht weinend breitet,
    Wie der Jüngling am tosenden Flusse,
    Der den Märchenvögeln nachblickt.
     
    Daß ich einmal dem Meister gliche,
    Der euch malte, Kinder und dich,
    Betender Jüngling!
    Stille und Güte,
    Klarheit und Kraft,
    Spielender Ernst und schaffende Treue
    Wohnen und walten an seinem Herde;
    Glück ward hier lebendige Gottheit,
    Weilende, heimische, dauernde: Ordnung;
    Glück, das fliegende, ward hier fest.
     
    Schlichter Mann im weißen Haare,
    Laß mich deine Hände drücken,
    Dank im Herzen, stummen Mundes:
    Segne mich mit deinen klaren,
    Guten Augen, schlichter Mann!
     
     
Wenns dämmert
    Und Tag um Tag geht still dahin,
    Und meine ruhigen Augen sehn,
    Wie alle Wünsche wunschlos still
    In eine blasse Dämmerung gehn.
     
    Dich lieb ich, du! Oh komm, sei mein!
    Ein grauer Nebel kommt und steht.
    Wo bist du?! Alles grau und leer.
    Und mein Begehren wankt und geht.
     
    Wohin, wohin!? Ich seh kein Licht,
    Ins Graue schwindet, was ich will.
    Laß gehn dahin und frage nicht,
    Laß gehn dahin und blicke still.
     
    Wunsch geht und Welt geruhig hin,
    Und meine ruhigen Augen sehn,
    Wie alle Wünsche wunschlos still
    In eine blasse Dämmerung gehn.
     
     
Nachts an die Nachtigall
    (Herrn Hugo von Hofmannsthal zugeeignet.)
     
    Oh du Nachtigall mit süßem Sang,
    Liebesruferin in dunkler Nacht,
    Kleine Brust, von Seligkeiten bang,
    Seele, die in Sehnsucht schluchzend lacht,
     
    Flöterin aus dunkeltiefem Grund,
    Warum macht dein Lied das Herz mir schwer?
    Ach, ich fühls, noch immer ist es wund,
    Dieses Herz, und duldet viel zu sehr.
     
    Schlägt noch nicht im eigenen Genuß,
    Liegt noch immer in der Sklaverei,
    Daß es allem Leide frohnden muß,
    Bebend lauschen jedem Weheschrei.
     
    Wärs wie du und fühlte nur die Lust
    Und die Schönheit dieses Lebensdrangs,
    Seiner Sehnsucht stürmisch nur bewußt
    Und der Fülle eigenen Gesangs,
     
    Wärs wie du oh süße Nachtigall,
    Glücklich wär dies Herz, und all sein Schlag
    Wäre wie Gebet und Glockenschall
    Zu der Sonne und dem lichten Tag.
     
     
Neujahrs-Besuch
    (Für Frau Meier-Graefe.)
     
    Kleine Hände, kleiner Mund,
    Große Augen blau und rund,
    Weiches, langes Ringelhaar,
    Leise Stimme glockenklar –:
    Also kam das neue Jahr
    Heute zu mir in mein Haus.
    Lieblich sahs und lustig aus.
     
    Daß es bleibe, wie es ist,
    Wünsche ich als Mensch und Christ.
    Mög es nie mit Wutgeberden
    Eine schrille Trulle werden,
    Die mit Zank und Zorn regiert
    Und das Schöne molestiert.
     
    Leise bleib es, klar und lind,
    Guter Gast und gutes Kind,
    Bring mir bald in grüner Schüssel
    Hohe, gelbe Himmelsschlüssel,
    Rosen, wenn der Sommer glüht,
    Wein, wenn blaß die Aster blüht,
    Und im Winter zünd es dann
    Mir die Weihnachtskerzen an.
     
    Wird es dann von hinnen müssen,
    Werd ich ihm die Hände küssen,
    Die mich so mit Glück begütet
    Und in Schönheit eingehütet.
     
    Willst du, Jahr? Die Kleine lacht.
    Hat mir einen Knix gemacht,
    Hat noch einmal still genickt,
    Eine Kußhand mir geschickt,
    Und dann ist sie fortgesprungen.
     
    Springend hat sie dies gesungen:
     
    Zu Flöten und Geigen
    Hintanz ich im Reigen,
    Habe Blumen im Haar.
    Oh laßt euch bewegen,
    Ihr Trüben und Trägen,
    Im Tanze ist Segen,
    Die Freude macht klar.
     
    Auf, wagt es, zu

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