JULIA ARZTROMAN Band 26
einfacher gewesen. So würde der Tod langsam kommen, nach endlosen Tagen, in denen Hunger und Durst ihren Körper allmählich auszehrten, bis die geschwächten Organe endgültig versagten.
„Maggie Pascoe, wo ist dein Rückgrat?“, kam es scharf aus dem Funkgerät.
Die Kritik machte sie wütend. „Da, wo auch der Rest von mir ist!“, fauchte sie. „In einem Loch, höchstens so breit wie ich lang bin. Ohne sichtbare Ausgänge, bis auf den über mir, durch den ich hier gelandet bin.“ Schluchzend holte sie Luft. „Versiegelt wie ein Pharao in seiner Pyramide.“
Aus dem Funkgerät kam kein Ton. Es war, als hielten sie alle den Atem an, während ihnen die Bedeutung dessen, was sie gerade eben gesagt hatte, klar wurde: Wie für den Pharao die Pyramide, so könnte die Mine ihr Grab werden.
Maggie schaltete ihr Gerät ab. Sie brauchten nicht zu hören, wie sie in Tränen ausbrach.
Von Schluchzern geschüttelt dachte sie daran, dass sie noch so viel vorgehabt hatte im Leben …
Verdammt, Maggie! Nein! Tu das nicht, gib nicht auf!
Adam konnte das quälende Gefühl der Hilflosigkeit kaum ertragen. Es war hart, untätig herumzustehen. Anfangs hatte er sich noch nützlich machen können, als jede Hand gebraucht wurde, um den Platz vor dem eingestürzten Stollen frei zu räumen. Sobald jedoch die Deckenstützen aufgestellt waren, überließ er den Profis das Feld. Er würde nur im Weg stehen.
Die Männer arbeiteten unter Hochdruck und suchten fieberhaft nach einer Lösung, um Maggie aus ihrem Gefängnis im Berg zu befreien. Sie hätte niemals in die Mine gehen dürfen, haderte Adam mit sich. Er hatte sie auch noch dazu aufgefordert und nachdrücklich an ihr Pflichtgefühl appelliert! Sie könnte jetzt draußen auf dem Feld stehen, unter freiem Himmel und die frische Luft der kalten Februarnacht einatmen.
Aber dann wäre das Rettungsteam sicher zu spät gekommen, und sie hätten einen der Jungen verloren. Adam dachte an den jüngsten Bericht aus dem St. Piran’s. Ohne Maggies Einsatz hätte Terrence Lovelace seine schweren Verletzungen nicht überlebt.
Sie hatte die Steine weggeräumt, um ihm den Druck von der Brust zu nehmen und seine Atmung zu verbessern. Sie hatte den hohen Blutverlust durch Infusionen ausgeglichen. Auch ihre Vermutung, die anhaltende Bewusstlosigkeit sei weniger ein Zeichen für eine Gehirnerschütterung als vielmehr für ein geplatztes Gefäß, hatte sich bestätigt. Die Kollegen im Krankenhaus hatten eine langsame Blutung im Schädelinnern festgestellt.
Zurzeit war Tel im OP, wo man das Blutgerinnsel entfernen und hoffentlich den Schaden, den es angerichtet hatte, beheben würde. Adam wusste, dass der Junge hinterher auf der Intensivstation noch ein paar Tage im künstlichen Koma liegen musste.
Chris, der zweite Junge, der sich bei dem abenteuerlichen Ausflug unter Tage verletzt hatte, würde sich auch nicht so schnell erholen. Sein Zustand war zwar nicht lebensbedrohlich, aber die zertrümmerten Mittelhandknochen zu richten bedeutete aufwendige Puzzlearbeit für einen erfahrenen Handchirurgen. Chris würde sich eine Weile gedulden müssen, ehe er die Finger wieder uneingeschränkt benutzen konnte.
Die anderen drei Kinder hatten Glück gehabt. Sie würden höchstens noch eine Zeit lang unter Albträumen leiden.
Das ließ ihn wieder an Maggie denken. Sie zahlte einen schrecklich hohen Preis für ihren Rettungseinsatz, weil ihre Phobie alles nur noch schlimmer machte. Adam wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen. Sicher würde er heute einiges anders machen.
Wie weit würde er zurückgehen? Bis zu dem Moment, als er Maggie am Eingang zur Mine beschwor, hinunterzuklettern, obwohl er von ihrer Phobie wusste? Bis zu dem Zeitpunkt vor einem Jahr, als sie sich in London wiederbegegnet waren? Oder zehn Jahre zurück, als er beschlossen hatte, nicht nach Penhally Bay zurückzukehren, obwohl es ihn so sehr dorthin zog?
Er musste endlich mit ihr reden und ihr alles erklären. Seit sie das Foto auf seinem Nachttisch entdeckt hatte, misstraute sie ihm. Ihre wachsamen Blicke verrieten es deutlich.
Adam seufzte unterdrückt. Die Chance, ihr von Caroline zu erzählen, war vorerst in weite Ferne gerückt. Kennengelernt hatte er die schlanke Blondine in London. Eins führte zum anderen, und irgendwann trafen sie sich regelmäßig. Caroline war kühl, elegant und hochgewachsen wie ein Model – das genaue Gegenteil der dunkelhaarigen elfenhaften Maggie Pascoe.
Was er getan hatte, wurde Adam
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