Klemperer, Viktor
und zurück auf den Dom wie bei unserer Leipzigfahrt. * Gusti braucht die Elbe und das Leben [der] Zillenschiffer für ein Kinderbuch; 4 Parole war also: möglichst viel Elbe! Weiter abseits vom Fluss nach Riesa. Wir sind oft im Zug über die grosse Elbbrücke dort gekommen; diesmal standen wir auf ihr und liessen Strom und Schiffe auf uns wirken. Ein hübsches ruhig einfaches Landschaftsbild, Wiesenufer, keinerlei Berge. Ein paar Zillen, aber der Flußhafen war nicht zu entdecken. Durch Richtungsirrtum gerieten wir nun auf die Strasse nach Leipzig und folgten ihr bis Oschatz, wo uns damals das Café Zierold so gut gefallen hatte. Hier sassen wir eine Stunde sehr vergnügt, und der Stimmung nach war dies die Höhe des Tages. Danach ereignislose Fahrt bis Torgau. Eine Mittelstadt, wie wir sie zu Dutzenden angetroffen haben. Aber mit einem erstaunlich gewaltigen und schönem Schloss. Von aussen, wie wir es nachher aus der Ferne über den Fluss weg sahen, ist es ein viereckiger betürmter Renaissancekasten wie andere auch. Im Innern des mächtigen rhombusförmigen Hofes aber überrascht ein entzückender Treppenturm venetianisch-byzantinischer Art als Mittelvorsprung der inneren Schmalseite, und auch der seitliche Eckturm nimmt sich byzantinisch aus. Die Treppenböden des Mittelturms sind gefaltet wie Muschelwände, das ganze ist eine merkwürdige Mischung aus Würde und Zierlichkeit. Wir hatten keine Ahnung, dass Torgau ein so riesiges Schloss besitze. Eine Mauertafel gibt an, dass es nacheinander Königsschloss, Kaserne, Zuchthaus, Lehrerseminar gewesen ist: jetzt ist eine grosse Menge Gerichtsbarkeit darin untergebracht. – Wir verliessen Torgau etwa um vier, und nun war es wohl * Gustis Elbmanie, was uns vom rechten Weg abbrachte und letztlich die Bitterkeit zum sonst Süssen fügte. Wir fuhren über die Flussbrücke und ein bisschen stromaufwärts an der Elbe, die hier ziemlich unbedeutend wirkte. Danach gerieten wir in immer bösere Dorfstrassen: Schlamm, Löcher, förmliche Granattrichter, aus denen das Schmutzwasser wie eine Sturzsee über uns planschte. Der Wagen stiess, legte sich schief, sprang, glitt ab: in jedem Augenblick war ein Maschinen[-] oder Reifenschaden oder auch das Umfallen des Autos zu erwarten. Nach etlichen Kilometern war dann die Strasse gesperrt, wir mussten mühselig wenden und den ganzen Höllenweg zurückschleichen. Eine Stunde und sehr viel Nervenkraft war verlorengegangen. Sobald wir auf guter Strasse waren, um fünf und noch gar nicht sehr weit von Torgau, liess ich jetzt den Wagen fast ohne Unterbrechung wohl reichliche zwei Stunden mit 60 und oft auch 70 km. laufen. Das war hübsch aber sehr anstrengend. Ein parkartig gepflegter Wald, Villen, ein Kurhaus: Bad Liebenwerda. Der nächste grössere Ort: Elsterwerda, der nächste: Grossenhain, der nächste: Radeburg – es ging jetzt nur noch ums Fahren und Vorwärtskommen. Bei Moritzburg schliesslich die Quittung über die allzulange [A]nspannung: vor mir ein sehr langsamer Wagen, ich zögere lange mit dem Überholen, als ich es schliesslich wage, liegt vor mir starkes Gefälle, ich bremse zu rasch ab, lege mich zu rasch wieder rechts vor den Überholten und bringe den Mann offenbar in schwere Gefahr. Schlimmeres geschieht nicht, aber jetzt jagt der andere an mir vorüber, droht mit der Faust, schreit etwas und bleibt nun bis Dresden im Schrittempo auf der Wegmitte vor mir, stürzt dort auf einen Schutzmann zu und zeigt mich an. Der Schutzmann kommt: Haben Sie Bier getrunken? Zu meinem Glück benimmt sich der Ankläger in der wildesten Weise, beschimpft mich, behauptet, ich hätte 90 km Geschwindigkeit gehabt, mein Begleiter habe geschlafen, meine Bremse sei entzwei und , er sei auf meinen Wagen aufgefahren – und kann doch bei alledem nicht den geringsten Schaden aufweisen. Ich verteidigte mich energisch, der andere hätte im Gefälle abbremsen müssen und weise seine Anklagen zurück, wenn der Herr Wachtmeister von Verwarnung rede, solle er den andern auch verwarnen. Ich mache ersichtlich auf Schutzmann und Publikum den besseren Eindruck als der tobende untersetzte Ank[l]äger; der sagt etwas von jüdischem Gerede, gegen das man nicht aufkomme, und zieht ab: ich darf auch weiterfahren, und bis heute, Freitag ist nichts weiter erfolgt; (Der Schutzmann sagte gleich, wenn nichts geschehen sei, könne die Polizei höchstens verwarnen). Immerhin war mir der Abend gründlich verdorben. Wir kamen gegen neun zu * Gusti; ich konnte vor
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