Klemperer, Viktor
staatsfeindlich oder jüdisch heissen würde.
Unmittelbar vorher lasen wir * Panteleimon Romanow Drei Paar Seidenstrümpfe. Das Buch schildert ohne sonderliche Parteilichkeit die innere und äussere Zerrüttung des russischen Bürgertums durch die Revolution; es wird entindividualisiert und proletarisiert. Zwei kaum zusammenhängende, nur ineinandergesetzte Handlungsteile[,] eine ziemlich indifferente hysterische Ehebruchsaffaire und eine ausgezeichnete Zustandsschilderung. Das Wohnungselend in Moskau mit seinen demoralisierenden Folgen. Der bürgerliche, der sich zu den Communisten hinüberzuretten sucht, mit seinem kommunistischen Museumsdirektor einen Plan zur Bolschewisierung des Museums ausarbeitet und den Freund verrät, sobald dieser bei den Parteigenossen missli[e]big wird, und er selber sein Nachfolger werden kann. Der Verräter ist kein schlechter Mensch (gut und schwach im Sin Sinne * Rousseaus und der Russen); er ist nur zermürbt, er will nicht länger ausserhalb des Lebens stehen; einen Augenblick vor dem Verrat weiss er nicht, dass er ihn begehen wird.
Ich empfinde es immer wieder als das grausigste an unserer Situation, dass man ganz und gar in diese Zange Communismus–Fascismus eingeklemmt scheint. Was ist mit Frankreich, England, USA?
Eine Karte von * Betty Kl., die sich in Cleveland (Ohio) angesiedelt hat; ihr Jüngster * Wolfgang hat drüben sein medicinisches Examen bestanden und ist in einer Klinik in Cleveland tätig.
Es war kein Geld da, um * E. etwas zum Geburtstag zu schenken. Wir feierten, indem wir den Abend zuvor ins Kino fuhren und am Sonntag selber eine längere Fahrt machten. Da * * W.s auf halbpart mitkamen, konnten wir in der Zielsetzung üppig sein und dreissig Liter Benzin und zwei Liter Oel aufbringen.
Im Universum: Mazurka. 1 Ein Sensations-, Rühr-und Criminalstück, doch nicht ohne eine gewisse Innerlichkeit; es will nach einem tatsächlichen Prozess des Jahres 1930 geschrieben sein. Eine Sängerin heiratet kurz vor dem Krieg in Warschau einen Offizier. Glückliche Ehe, eine Tochter. Während der Mann im Felde, wird sie von ihrem früheren Componisten und Dirigenten betrunken gemacht und in der Betrunkenheit für eine Nacht verschleppt. Hieraus entsteht später ein Scheidungsprozess, man nimmt ihr als schuldigem Teil das Kind. Sie erkrankt, verliert die Stimme, wird Cabaretsängerin, sucht durch fünfzehn Jahre die Tochter. Findet sie, gibt sich nicht zu erkennen, da das Mädchen seine Stiefmutter als ihre wirkliche Mutter ansieht und sehr liebt. Sieht das Mädchen am selben Abend im Cabaret mit dem gleichen Musiker, der sie, die Mutter unglücklich gemacht hat und erschiesst ihn. Das Stück beginnt mit dem Abenteuer des jungen Mädchens bis zum Schuss. Dann der Prozess; die Angeklagte spricht nicht, um ihr Verhältnis zur Tochter nicht zu verraten. Man findet einen Koffer mit ihren Papieren. Sie redet nun unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ihr Bericht ist in Action umgesetzt. Zuletzt wieder die Verhandlung. Angst der Mutter, die Tochter werde nun den Sachverhalt erfahren. Das Gericht lässt die Verwandtschaft unerwähnt, verurteilt unter mildernden Umständen, macht ein Gnadengesuch. Das ist ein Reisser, aber so bedeutend gespielt, dass ein grosses Kunstwerk daraus wird. Die Heldin Vera: Grossmutter * Pola Negri. 2 Eine ungemeine Leistung, wie sie die ganz abgelatschte gemeine Diseuse, die junge bedeutende Künstlerin, die junge Mutter, die ältere gerührte Frau, die angstvolle, verzweifelnde, um ihr Geheimnis kämpfende Angeklagte – alles dies gleich lebenswahr verkörpert. Ausgezeichnet auch die Tochter Lisa, noch ein halbes Kind, etwas starr, mit guter Haltung, dem Abenteuer widerstrebend – aber sie will nicht unwissender und feiger sein als die andern, d.h. die Mitconservatoristinnen, und dann wird sie von dem schönen Conzertspieler sinnlich überwältigt. Auch der Verführer bleibt naturgetreu, er ist in seiner Art genau so abgelatscht wie die unzüchtige Diseuse der Negri. Und ganz einfach menschlich ohne alles Pathos und ohne den Ton des modernen Gerichtspraesidenten anzutasten: Friedrich * Kayssler 3 als Vorsitzender. Ich hatte von dem Ganzen einen sehr grossen Eindruck.
Die Geburtstagsfahrt nach Torgau am 12.
Unsicheres Wetter, das sich den ganzen Tag gut hielt, der Wagen immer offen. Um 11 bei * * W.s in der Schrammsteinstr. Durch die Stadt über Kötzschenbroda, Coswig nach Meissen, über die Elbbrücke und denselben schönen Blick auf den Fluss
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