Klemperer, Viktor
zwischen Feldern. Und auch dies behutsamere Fahren an sich hat seine besonderen Reize. Diesmal kamen zu solch bekannten Sonderreizen neue hinzu. Als wir die Kammstrasse im Walde eine Zeitlang verfolgt hatten, wurde es spä[ ä ]t, u. wir suchten nun den Rückweg auf einer Querlinie tal bergabwärts, wieder hinauf zur nächsten Bergkette, wieder abwärts und noch einmal hoch und hinunter ins Pöbelthal nach Schmiedeberg hinüber. Das war nun einmal in fahrtechnischer Hinsicht eine ernstliche Aufgabe, und es machte mir Freude, dass ich ihr ganz gewachsen war. Enge, Feld- und Dorfwege mit Steinen und Löchern, so ungemein steil, dass auf- wie abwärts der erste Gang genommen werden musste; wir brauchten für 10 km. wohl dreiviertel Stunden. Und landschaftlich war es prachtvoll: immer der weite Blick, immer klare Kartenbilder, die langen Waldrücken und = kämme die breiten Einsenkungen mit ihren Feldern und Dörfern. (Zahlreiche junge Katzen erhöhten den[ n ] Reiz. Als wir ins Pöbelthal kamen erinnerten wir uns mancher Wanderungen vergangener Jahre. Die letzte Strecke vor Schmiedeberg dann wieder durch Wald. Von Schm. auf der Staatsstrasse nach Hause fuhr und fahre ich jetzt nicht anders wie durch die Chemnitzer Str. Die Strecke ist mir völlig vertraut (und immer wieder schön und nie ganz gefahrlos, besonders nicht, bei Dunkelheit und Eile).
Ich habe den Fahrbericht aus letzter Zeit zusammenfassend vorweggenommen; man sagt, vor fünftausend absolvierten Kilometern könne niemand fahren. Ich habe jetzt selbständige 4 000 hinter mir und bin kein Neuling mehr; aber ich fühle meine Unzulänglichkeit stärker, als ich es bei dreitausend tat. Die Affaire mit * Gusti Wieghardt hat mich sehr mitgenommen, und mit Garten- und Garagethor habe ich immer noch zu kämpfen. Der []Bock hält sich im allgemeinen gut, hat aber beim Anfahren und Gangwechsel immer wieder tückische Augenblicke und bedarf alle paar Tage irgend einer kleinen Reparatur: der Tachymeter streikt, oder der Kühler tropft, oder eine Radschraube ist überdreht, oder sonst etwas hapert: 5 M., 1,20, ein paar Groschen ... wenn man mit jedem Pfennig rechnet, ist das Bagatellenhafte keine Bagatelle mehr. Aber das Wie lange noch? im Punkte Auto ist ganz übertönt durch das allgemeinere Wie lange noch?. Ich habe mich im Felde auch nicht gefragt, wie lange ich etwa noch Tabak haben würde.
Die Olympiade geht nächsten Sonntag zu Ende, der Parteitag der NSDAP kündigt sich an, eine Explosion steht vor der Tür, und es ist natürlich, das[s] man sich zuerst gegen die Juden abreagieren wird. So vieles ist aufgehäuft. Der * * Gustloffprozess kommt im September; die Danziger Sache ist nur vertagt, 1 die verbündeten Polen haben den französischen General * Gamelin 2 zum Marschall gemacht, Mussolini hat straflos Abessinien eingesteckt – und seit ein paar Wochen ist der spanische Bürgerkrieg 3 im Gang. In Barcelona sind vier Deutsche als Märtyrer[ e ] des Nationalsocialismus von einem Revolutionsgericht ermordet worden, und schon vorher hiess es, die emigrierten deutschen Juden hetzten dort gegen Deutschland. Weiss Gott, was aus alledem wird, sicherlich aber und wie auch sonst immer ein neues Vorgehen gegen die Juden. Ich glaube nicht, dass wir unser Haus behalten werden. * Marta erzählt aus Prag, dass man dort und in England mit Krieg noch im Herbst rechne – aber wie oft hat man das in Prag schon geglaubt. Der politische Aspekt wechselt beinahe täglich, es wäre ungeheuer interessant, wenn es nicht so trostlos wäre. Um Spanien hat der dritte * Napoleon seinen Verzweiflungskrieg begonnen 4 – aber wieweit liegt eine Analogie vor? Ich höre immer wieder, zuletzt vom * Lehrer Forbrig: * H. wolle wirklich den Frieden, noch ein bis zwei Jahre, denn vordem seien unsere Rüstungen nicht fertig. Widerum: was in Deutschland jedes Kind weiss, kann doch auch Herrn * Léon Blum nicht unbekannt sein. Ist man in Frkr. so dumm, auf das Geschlachtet[ e ]werden zu warten? Widerum: wieso hat man bisher alles hingenommen? In Frankreich von Deutschland, in England von Italien? Alles ist vollkommen undurchsichtig und dunkel. Wahrscheinlich kennt niemand, auch kein Regierender die tatsächlich vorhandenen Kräfte, Hemmungen und Stimmungen.
Die Olympiade, die nun zuende geht, ist mir doppelt zuwider. 1.) als irrsinnige Überschätzung des Sports; die Ehre eines Volkes hängt davon ab, ob ein Volksgenosse zehn Zentimeter höher springt als alle andern. Übrigens ist ein * Neger aus
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