Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Klemperer, Viktor

Klemperer, Viktor

Titel: Klemperer, Viktor Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Die Tagebücher
Vom Netzwerk:
– Ich habe nur betrüblich wenig Erinnerungen an * Stuckens Weisse Götter; 6 der bleibende Gesamteindruck aber ist der einer prunkvollen Buntheit und gänzlichen kalten Fremdheit; bei * Niles dagegen ist alles warm, nahe und einfach, obwohl das Anderssein in jedem Augenblick deutlich am Tage liegt.
     

 
    16. August, Sonntag.
    Gestern Nachm. – wir waren eben sehr ermüdet u. erhitzt von der Blumenausstellung gekommen, ich hatte mich entblättert und machte Kaffee – erschien im Radfahranzug mit Sandalen und kniefrei, grau mit grünen Aufschlägen, ein jodlerischer Bua, * Wengler und blieb stundenlang. Alles sprach gegen ihn, aber er ist ein so grundanständiger Kerl, dass man ihm auch im katastrophalsten Moment Sympathieen entgegenbringt. Er hatte mehrere Ferienwochen in Italien verbracht. Er findet den Fascismus, vielmehr die italienischen Fascisten menschlicher als die Nazis. Er erzählt als verbürgt, dass etliche Wochen vor Beginn der spanischen Gegenrevolution der später umgekommene * General San Jurjo 7 im Hotel Adlon Besprechungen gehabt habe, und dass sich bei den marokkanischen Truppen * Francos 8 deutsche Offiziere befänden. Er hält den Sieg oder die Niederlage der span. Volksfront für europäisch entscheidend und sagte ganz ernsthaft, nachdenklich, ohne alles Pathos, wie aus bedrücktem Gewissen: Man müsste eigentlich hin und ihnen helfen; aber ich kann nicht einmal schiessen. Nachher klagte er, wie widerwärtig es ihm sei, Dienstag den Schulunterricht wiederaufzunehmen.
    Das ist * Wengler. * Johannes Kühn aber, den ich immer für einen intakten Menschen und ernstlich denkenden Kopf hielt, der Professor der Geschichte Johannes Kühn hat in der Sonntagsnummer der Dresdener N. N. (16. Aug.) einen kurzen Artikel zum 150. Todestage * Friedrichs des Grossen. 1 Darin nennt er ihn auf 100 Zeilen zweimal mit Nachdruck einen nördlich-germanischen Menschen. Seine Philosophie sei zeitübernommen und belanglos; dahinter stehe der germanische Glaube an ein Höheres und Jenseitiges; seine Hinneigung zum Französischen sei die typische Form- und Südsehnsucht des nördlichen Germanen. – Wenn es einmal anders käme, und das Schicksal der Besiegten läge in meiner Hand, so liesse ich alles Volk laufen und sogar etliche von den Führern, die es vielleicht doch ehrlich gemeint haben könnten und nicht wussten, was sie taten. Aber die Intellektuellen liesse ich alle aufhängen, und die Professoren einen Meter höher als die andern; sie müssten an den Laternen hängen bleiben, solange es sich irgend mit der Hygiene vertrüge.
     

 
    20. August, Donnerstag
    * Macchiavellis 2 Satz, die Einigung Italiens scheitere am [K]irchenstaat, der zu schwach sei von sich aus diese Einigung herbeizuführen, aber auch zu stark, als dass eine andere Macht gegen ihn die Einigung durchsetzen könnte, findet irgendwie ein Analogon in der augenblicklichen europäischen Lage. Die Mächte des Liberalismus, d.h. im Grunde der wägenden Vernunft, Frankreich und England, sind zu schwach, um von sich aus beide Radikalismen und Fanatismen, Bolschewismus und Nationalsocialismus abzuwehren; sie müssen sich auf einen von beiden lehnen, um dem andern standzuhalten und müssen sich in jedem Augenblick fragen, welcher von beiden ihnen das kleinere Übel bedeutet. Die [F]rage w[i]rd in England und Frkr. nicht in jedem Augenblick gleich beantwortet, und das führt wieder zu Reibungen der zwei Mächte untereinander. So ist es immerfort ein Rätselraten, was geschehen wird, welche Bündnisse geschlossen werden. Die Lage von 1914 war eindeutig klar, die heutige ist unentwirrbar.
     

 
    24. August, Montag
    Die Spanienhetze tritt gegen die Russlandhetze zurück. Jeden Tag aufregendere Nachrichten über die russischen Kriegsvorbereitungen gegen Deutschland. Will man auf unserer Seite den Krieg, ist es so weit, dass man ihn wollen muss, um eine Ablenkung und einen Ausweg zu schaffen? Ich habe in diesen Tagen aus sehr verschiedenen Kreisen Worte der äussersten Feindschaft, Gärung und Beunruhigung gehört: Der Mann der Leihbibliothek * Natscheff, der bisher an Frieden und Dauer des gegenwärtigen Régimes glaubte, sprach von allgemeiner Unzufriedenheit in Deutschland, von der Möglichkeit des Krieges. Der biedere * Schlächtermeister Ulbrich klagte aufs bitterste. Überall die alten Kämpfer statt der Sachverständigen, auf dem Schlachthof regieren ein Barbier und ein Gurkenhändler – und die Bauern sträuben sich und Herr * Darré 3 ist mit 35

Weitere Kostenlose Bücher