Klemperer, Viktor
Reich ist offenbar ganz vorüber, von der allgemeinen Unzufriedenheit weiss sie auch, aber das Wie lange noch? mag sie sich auch nicht beantworten. – Sie kennt den Schwartenberg und will uns hinführen; d.h., wir müssen sie auf eine Autofahrt mitnehmen.
Ich erfuhr durch * Frau Schaps, dass * Raab in Berlin fast plötzlich (Embolie nach Operation) 47 Jahre alt gestorben ist. Ich hatte von dem Mann immer den Eindruck grösster Lebendigkeit und jugendlicher Beweglichkeit. Wie er sich nach seiner Entlassung sofort andere Arbeits- und Existenzmöglichkeit schaffte – er war halbrechts stehender Nationalökonom, bei * * Blumenfelds kam ich einmal hart mit ihm aneinander, als er die den Nazis verbündeten Deutschnationalen unterstützt sehen wollte –, habe ich ihn sehr beneidet. Ich fühlte mich neben ihm uralt. In irgend einem * Schnitzlerstück empfindet ein sehr alter Mann eine Art Triumph, als er vom Tod eines jüngeren Mannes erfährt. Daran musste ich wider Willen und bei ernstlichem Mitgefühl denken. * R. hat drei Frauen gehabt, die letzte ist Jüdin. Über seinem Schreibtisch soll das Bild eines kriegsgefallenen Offiziers gehangen haben. Auf Befragen habe er unbefangen erklärt: Der erste Mann meiner zweiten Frau. Ich gedenke auch seines stillen und freundlich langweiligen Angorakaters Eilhart, den * * Blumenfelds einmal in Pension hatten.
Auf der Rückreise von Prag war * Marta von Dienstag bis Mittwoch Donnerstag Nachmittag bei uns. Eine ungemeine Anstrengung, da ja jede Bedienung fehlt, da ich bei schwerer Hitze immer in full dress 1 sein musste, da * M. andauernd unterhalten und spazierengefahren sein wollte. Von den Fahrten und von der politischen Meinung in Prag habe ich berichtet. Im übrigen macht Marta einen sehr leidenden Eindruck. Übermässig gealtert, schwer beweglich, verfallen. Sie erzählt, dass * Wally seit einem Monat krank liegt. Galle und offenbar Krebsverdacht. Sie erzählt von ernster Notlage der * * Sussmanns. Sie beneidet uns, denen es noch sehr gut gehe. (Das glaubt jeder vom andern). Eine prekäre Existenz führt ihr Jüngster, * Willy, in Prag. Er spielt und studiert Oboe, er kann nichts verdienen, es ist kaum möglich ihn bei den herrschenden Devisenbestimmungen von Berlin aus zu unterstützen, er kann nicht zurück, da er als Communist gefährdet ist.
15. August, Sonnabend.
In den letzten Wochen las ich vor: * Benrath, Die Kaiserin Konstanze. 2 * Annemarie hatte uns das Buch vor längerer Zeit geschenkt, ich wagte mich nicht heran, weil es nach * Stefan George 3 roch. Es ist gewiss weder ein schlechtes noch ein langweiliges Buch. Aber warm wird man nicht dabei. Trotz ihres natürlichen Neuhochdeutsch (dessen Gebrauch das Vorwort sehr vernünftig begründet), bleiben die Menschen im letzten fremd. Bisweilen ist eine Mystik um sie, für die ich nun einmal gar kein Verständnis habe. Epischer Fluss fehlt ganz; es sind einzelne, immer durch ein zwei Jahre von einander getrennte Scenen, zumeist Dialoge. Was mich am peinlichsten berührt, ist die Sinnlosigkeit oder Ergebnislosigkeit des ganzen Geschehens, an dem so viel Blut und Elend und menschliche Anstrengung klebt. Das Stauferreich zerfällt; aber auch das Reich Sicilien, um das Konstanze ringt, nimmt in den späteren Zeiten so viel grundandere Formen an. All diese Kämpfe haben gar keinen Bezug zum heute.
Weitere Lektüre: * Blair Niles, Maria Paluna[]. 4 Für den e[i]nfachen amerikanischen Titel hat man im Deutschen den pretiösen Ein Herz und ein Jahrhundert gesetzt. Das Buch ist sehr bedeutend. Warm und schlicht menschlich – dabei unter der anscheinenden Simplizität beinahe ironisch complex. Denn immer wieder deutet der Autor in ein zwei Sätzen an, wie tief sich das Denken, das religiöse Leben der Azteken von dem europäischen unterscheidet. Für die Indianerin Paluna bilden Leon und sein Pferd Babieca eine Einheit; das Pferd ist sein Schutzgeist und seelischer Doppelgänger, so wie sie selber mit einem Kolibri identisch ist. (Das glauben wir alle) Christliche und aztekische Gottheiten mischen sich. Dennoch, und das ist die grösste Kunst des Autors, tritt überall das verbindend rein Menschliche hervor. Er sympathisiert mehr mit den Indianern als mit den Spaniern, aber im ganzen zeigt er Aberglauben und Blutvergiessen bei beiden ausgebildet und fast gleich, und in etlichen Spaniern (Leon, * Las Casas 5 etc.) zeigt er doch durchaus die innere Güte bei aller Primitivität ihres Heidentums um die Jungfrau Maria.
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