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Klemperer, Viktor

Klemperer, Viktor

Titel: Klemperer, Viktor Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Die Tagebücher
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USA 5 am allerhöchsten gesprungen, und die silberne Fechtmedaille für Deutschland hat die Jüdin * Helene Meyer gewonnen (ich weiss nicht wo die grössere Schamlosigkeit liegt, in ihrem Auftreten als Deutsche des dritten Reichs, oder darin, dass ihre Leistung für das dritte Reich in Anspruch genommen wird). In der Berliner Illustrierten vom 6. 8. schreibt ein * Dr. Kurt Zentner einen durchaus ernsten und sozusagen paedagogischen Artikel: Aussenseiter ohne Aussicht. (Nur hartes Training führt zum Ziel.) Er erzählt, mit wie kläglichen Erstlingsresultaten viele Sporthelden begonnen haben, die dann durch äusserstes Training das Bedeutendste erreichten, so u.a. der Welt genialster Tennisspieler, * Borotra, und er schliesst seinen Artikel (Stil der moralischen Wochenschrift Spectator 6 ), es habe einmal ein unbekannter junger Korse auf der Kriegsschule in Brienne gesessen, habe sich täglich gesagt, er wolle Marschall werden, und habe sei der * Kaiser Napoleon geworden.
    Sicherlich ist der Sport in England und USA immer ungemein und vielleicht übermässig geschätzt worden, aber doch wohl niemals so einseitig, so unter gleichzeitiger Herabsetzung des Geistigen wie jetzt bei uns (Bewertung der Schulleistung, das Schimpfwort intellektualistisch); auch ist zu bedenken, dass diese Sportländer keine allgemeine Wehrpflicht haben. Und 2.) ist mir die Olympiade so verhasst, weil sie nicht eine Sache des Sports ist – bei uns meine ich – sondern ganz und gar ein politisches Unternehmen. Deutsche Renaissance durch * Hitler las ich neulich. Immerfort wird dem Volk und den Fremden eingetrichtert, das man hier den Aufschwung, die Blüte, den neuen Geist, die Einigkeit, Festigkeit und Herrlichkeit, natürlich auch den friedlichen, die ganze Welt liebevoll umfassenden Geist des dritten Reiches sehe. Die Sprechchöre sind (für die Dauer der Olympiade[)] verboten, Judenhetze, kriegerische Töne, alles Anrüchige ist aus den Zeitungen verschwunden, bis zum 16. August, und ebensolange hängen überall Tag und Nacht die Hakenkreuzfahnen. In englisch geschriebenen Artikeln werden Unsere Gäste immer wieder darauf hingewiesen, wie friedlich und freudig es bei uns zugehe, während in Spanien kommunistische Horden Raub und Totschlag begingen. Und alles haben wir in Hülle und Fülle. Aber der Schlächter hier und der Gemüsehändler klagen über Warennot u. Teuerung, weil alles nach Berlin gesandt werden müsse. Und die Hunderttausende in Berlin sind durch Kraft und Freude 1 herangeschafft; die Ausländer, vor denen Deutschland wie ein offenes Buch aufgeschlagen liegen soll – aber wer hat denn die aufgeschlagenen Stellen ausgewählt und vorbereitet? – sind nicht sehr [z]ahlreich, und die Berliner Zimmervermieter klagen.
    Ein neues Zeitungswort ist aufgetaucht und kommt wohl aus Frankreich. Die franz. Volksfront 2 gehe auf einen Kreuzzug der Ideen[] aus, für die spanischen Kommunisten und gegen den Fascismus. Das sei ganz entsetzlich entrüstet sich unsere Presse, der Nationalsoz. tue so etwas nicht, er wolle, dass jedes Volk auf seine Weise glücklich werde, er treibe keine ausserdeutsche Propaganda. Das ist das ekelhafteste Charakteristikum des Hakenkreuzzuges, dass er verlogen und heimlich geführt wird. Wir führen keinen Kreuzzug, wir vergiessen auch kein Blut, wir sind ganz friedliche Leute und wollen nur in Ruhe gelassen werden! Dabei wird auch nicht die kleinste Gelegenheit zur Propaganda versäumt. In der Reichsgartenschau ist eine hübsche Markenausstellung. Die Kästen der Inflationsmarken tragen die Aufschrift: Dokument einer irrsinnigen Zeit. Jeder kann seinen Rückschluss auf die Gesundheit und Blüte des gegenwärtigen Wirtschaftslebens machen.
    Wir sind nun schon zwanzigmal in der Ausstellung gewesen, in letzter Zeit mehrmals im Anschluss an den Besuch beim Zahnarzt um die Mittagszeit. Am Sonnabend machten wir einen kleinen Abendgang durch die Ausstellung. Im Helldunkel der elektrischen Beleuchtung fliessen grosse Blumenbeete zu einer merkwürdig märchenhaften gedämpft bunten Einheit zusammen. Herrlich ein paar riesige Baumkronen, die von unten her durchstrahlt sind. Da die Luft voller Wasserdunst war, wirkte überall die elektrische Beleuchtung besonders geheimnisvoll. Das Leben concentrierte sich rummelplatzartig in ein paar Restaurants und Jahrmarktsbuden.
    Am Montag besuchte uns Frl. * Papesch, die ihre Hochschulkündigung inzwischen ebenfalls erhalten hat. Die Zeit ihrer leisen Sympathie für das dritte

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