Klemperer, Viktor
technischen; aber eine Geldbelastung ist auch das. Wir sind nach einer sehr unverschämten Rechnung des * Dr. Kunstmann zu dem jungen und durchaus sympathischen Nachfolger des * Dr. Isakowitz: * Eichler übergegangen und fahren also wieder in die Königsbrücker [S]tr., wo alles (bis auf den Arzt), alles incl. Schwester, un ve verändert ist.
Ist es Stumpfsinn, Philosophie, Alter, oder ist es das Gefühl, in absolut regelloser Zeit zu leben? Ich bin nur noch anfallw[e]ise bedrückt, lasse die Dinge im übrigen laufen und habe stundenweise ein ganz vergnügtes Lebensgefühl. Also jetzt wird unser Garten üppig. Wer wird um das Angst haben, was in vier Jahren geschieht? – Und ähnlich geht es mir mit meinem Dix-huitieme. Ich unterdrücke gewaltsam den Gedanken an die Aussichtslosigkeit des Publizierens und freue mich der gelingenden Arbeit. Schlimmstenfalls vermache ich das fertige Manuscript einer Schweizer Staatsbibliothek. – In dieser Nicht-Nordseewoche also wurde endlich der Abschnitt * Fénelon- * Saint-Simon nach fast zwei Monaten bis auf den letzten I-Punkt druckfertig, und jetzt habe ich das Studium * Vauvenargue 1 aufgenommen. (Bisher scheint mir sein Ruhm surfait. Mutatis mutandis eine Art * Körner, 2 aber freilich ein Theodor Körner VOR * Schiller, nicht nach ihm.
Auch den Bock haben wir nicht ganz zur Ruhe gesetzt. Einmal nach Stadtbes[o]rgungen – ein längst bestellter Grasmäher! – fuhren wir nach Coschütz und Gittersee. In einer Viertelstunde ist man da von der Stadt weg auf freier Höhe. Dicht vorn der Windberg, Blick nach Freithal hinunter und weit über die Höhen des andern Elbufers. Und auf der andern Seite nach der Sächs. Schweiz zu. Das war gegen Abend besonders schön. – Und dann gestern die tragikomische Fahrt auf der neuen Autobahn. Vor wenigen Tagen hat * Hitler mit grösstem Gepränge die 101 km. Dresden–Meerane eröffnet. Bis Wilsdruf[f] war uns die Strecke bekannt. Nun fuhren wir bis Hainichen weiter, hielten auf Hin- und Rückfahrt an der Siebenlehner Brücke, gingen den Tunnel über der Schlucht durch, sahen die riesigen dünn wirkenden Steinwände. * Eva hat recht: die Altenbeke[re]r Eisenbahnbrücke mit ihren Aquaeduktbögen ist schöner; aber sehr imposant ist dieser Bau doch auch. Und gewaltig, wie er über dem schäumenden Flüsschen tief unten und über den Wald hinweg aufsteigt. Überhaupt: ich weiss, wie verrucht diese ganze Anlage auf Volksbetrug hinausläuft, wie sinnlos sie ist, wie sie NUR den einzigen Sinn hat zu blenden, zu betrügen, zu prunken – und doch entzückt sie mich. Das breite Band, das kühelose Rollen durch die herrliche Landschaft, mit dem Blick auf Waldung auf Hügel, auf Tiefen, auf Weite. Wenn es mir so geht, um wieviel mehr müssen naivere Gemüter berauscht werden! Es ist die modernste Form der Circenses. Und ehe das Brod nicht wirklich fehlt und völlig, eh ist diese Herrschaft nicht abzuschütteln. Wir waren erst nach sechs von Hause weg und fuhren also auf der noch sehr festlich belebten Strasse rasch (ohne Hetze, 60, selten beim Abwärts 80 km) bis Hainichen (45 km. von Dresden). Um 7 zurück, wir wollten um 8 beim Abendbrod sein. Da begann der Kühler zu rauchen, zu kochen; wahrscheinlich sass der Treibriemen locker. Sechs km. vor Wilsdruf zeigte es sich, dass wir keinen Tropfen Wasser mehr im Kühler hatten. Und die nächste Tankstelle eben in W. Pause des Abkühlens und der Ratlosigkeit. Unten im Wald ein kleiner Bach – aber wir hatten kein Schöpfgefäss. Schliesslich fiel uns beiden ein: die Pralinéschachtel (von einem Viertelpfund!) Einmal schöpfte Eva, zweimal trabte ich noch hinunter, dann war die Schachtel aufgeweicht, und der Kühler hatte vielleicht alles in allem ¼ l. Wasser erhalten. Wir mussten weiter; im Abfahren hätte ich bei einem Haar den Wagen die weiche Böschung herunterkullern lassen. Nun beinahe im Schritt, die Pumpe knisterte, der Motor rauchte, und wir zählten 15, 14,5[,] 14 usw. – Wilsdruf[f] lag bei 12,5 aber dann musste man noch in den Ort und erst auf dem Ma[r]ktplatz war eine Tankstelle. Der Kühler war durchaus leer, als das Wasser hereinlief sprudelte es sofort kochend hoch. Es war dunkel geworden, viele Scheinwerfer kamen uns entgegen,und auf der Landstrasse gab es Ausbesserungsarbeiten und Hindernisse. Um ½ 10 vollkommen zerschlagen zu Haus. Trotzdem haben wir über die Sache gelacht, und heute war ich schon wieder mit dem Wagen in der Bibliothek, und morgen – 29. Juni, 33 Jahre
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