Klemperer, Viktor
Anfahrtweges zurück, bogen dann seitlich ab un[d] suchten den Wald. Mehr als ein ganz spärliches Gehölzchen war nirgends zu finden, Möglichkeit einer wirklichen Waldrast nicht vorhanden. Jejend im äussersten Wortsinn. Wir brachten Ö.s zurück, verliessen Leipzig etwa um 6 und waren gegen neun auf dem Dresdener Bahnhof, wo wir assen. Auch die Rückfahrt landschaftlich wieder herrlich, aber E. war sehr ermüdet und bekam schwere Kopfschmerzen. Und als wir nach dem Essen zur Heimfahrt die Lampen einschalteten, streikte das Fahrtlicht, und wir mussten verbotenerweise mit Scheinwerfer fahren; es ging noch glimpflich ab. –
Am Sonntag Nachm. 6. Juni, in Kipsdorf und zu Fuss (nach Jahren!) zum alten Haus Nietzsche hinauf. Ich erkannte im Garten den breit und dick gewordenen * Erhardt N. den wenig begabten und gutmütigen Lokomotivführer. Wir begrüssten uns, er führte uns im Garten herum und erzählte. (Sein Gruss Heil Hitler, aber sonst durchaus harmlos-anständig). Das Haus, freigelegt von Holzbalkons und Bäumen, ist jetzt ganz Mietshaus, nicht mehr Pension; die dicke * Friedel ist schon 33 am Schlaganfall gestorben. Mich ergriff wieder sehr der Gedanke an mein Alter und die unselige Gegenwart im Erinnern. Aber dann war es doch trotz allem schön, dass ich * Eva im eigenen Wagen selber hierher hatte fahren können. Rein als Spaziergang ist der Weg nach Kipsdorf immer der lohnendste. Die sächsische Schweiz: eine prachtvolle Coulisse; Kipsdorf das wirkliche ruhige mittlere Waldgebirge.
Montag Morgen, 14. Juni.
Endlich ein wenig kühler und endlich (nach 2 ½ Monaten all die Unterbrechungen und Vorstudien eingerechnet) * Fénelon- * Saint-Simon im Ms. fertig. Erst gestern! Ich will das Stück nun nach Möglichkeit vor Antritt der neuen Reise, also vor Montag, in die Maschine bekommen.
20. Juni, Sonntag
Morgen soll die Nordseefahrt beginnen, und * Fénelon ist gerade zur Hälfte in der Maschine. Gestern ging der ganze Tag durch Besorgungen und Abschmierenlassen drauf, heute bin ich durch böse Migräne gehemmt, habe nur eine Seite copiert (copieren heisst: meine Augenpulvernotizen lesen und jeden Satz noch einmal umkrempeln und die Citate ausschreiben!) und bin dann zu aufgesammelter Correspondenz vor allem einem handschriftl. Geburtstagsbrief für * Blumenfeld übergegangen. Die Migräne rührt wohl von dem gestrigen Abendbesuch bei * Frau Schaps her; es war ihre verwitwete Schwägerin da, eine * Frau Justizrat Lemberg aus Berlin, die mir den * Rousseau aus der Bibliothek ihres * Mannes geschenkt hat. Sie erzählte, er habe sich mit fünfzig Jahren aus seinem Beruf zurückgezogen und ganz seinen Interessen gelebt, Sprachen, Literaturen, Musik, eigenem Gesang, Bayreuth, Reisen.
Ich merkte für mich an: Typus Herr * Karl Kaufmann, Schuhfabrikant Dresden, jetzt Tel a Vif. Etwas Ähnliches war mir am Morgen durch den Kopf gegangen. Es kam der Brief irgend einer literaturschwärmenden Abiturientin aus Mühlheim/Ruhr, meine Romanische Sonderart 1 habe sie zu Fragen angeregt ... folgten x aesthetische und bibliographische Fragen, die ich nur zum kleinsten Teil rasch beantwortete. Früher hätte mich die Schreiberin individuell interessiert, jetzt ist sie für mich ein Typus des ersten Semesters (vor Beginn). Solches TYPISIEREN und sofortiges Einreihen ist Alterszeichen. ... Ein anderes gewiss allgemeines Alterszeichen: Als ich nach Dresden kam, mit 38 Jahren und noch lange Jahre danach distanzierte ich mich innerlich von Kollegen, von sehr vielen andern Menschen ebenso in dem Gefühl: sie sind [a]lt, sie empfinden unmöglich wie du. Jetzt heisst das gleiche Distanzgefühl 100mal: sie sind jung, sie empfinden nicht wie du. Ich glaube, jeder Mensch halbiert ganz instinctiv und naiv die gesamte Menschheit in Alt und Jung und rechnet sich bis zu irgendeinem Moment zur einen, dann zur anderen Hälfte. Ich glaube, dass es überhaupt keine Brücke von der einen zur andern Hälfte gibt. Ich weiss nicht, wann ich herübergewechselt bin. Ich weiss auch nicht, wann ich in Eroticis zum erstenmal das Gefühl des Alters hatte (das keineswegs mit vermindertem Begehren, auch nicht mit Impotenz zu verwechseln ist).
Bei * Frau Schaps war es ein hübscher Abend; im Villengarten nebenan gab es ein Gartenfest mit grossem Feuerwerk, wir waren von der Diele aus entzückte Zaungäste; Frau Schaps Radio brachte * Götterdämmerung 2 aus der Wiener Oper, die Recitative kamen mir merkwürdig steif und 300 Jahre entfernt vor,
Weitere Kostenlose Bücher