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Krieg und Frieden

Krieg und Frieden

Titel: Krieg und Frieden Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Lew Tolstoi
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mit. Mit finsterer Miene trat Jermolow auf den Offizier zu, hörte ihn an und nahm ihm das Papier ab, ohne ein Wort zu sprechen.
    »Du glaubst, er sei zufällig ausgeritten«, sagte an diesem Abend ein Offizier des Stabes zu dem Adjutanten. »Das kennen wir! Das geschieht alles absichtlich! Warte nur, was das morgen für eine Grütze geben wird!«

222
    Am frühen Morgen des folgenden Tages erhob sich der altersschwache Kutusow, betete, kleidete sich an und setzte sich in die Kutsche mit dem unangenehmen Bewußtsein, daß er eine Schlacht lenken solle, die er nicht gutheißen konnte. Verschlafen horchte er darauf, ob er nicht von der rechten Seite Schüsse höre, aber alles war ruhig. In der Nähe von Tarutino bemerkte Kutusow einzelne Kavalleristen, die ihre Pferde zur Tränke führten. Kutusow ließ anhalten und fragte, von welchem Regiment sie seien. Die Kavalleristen gehörten zu einer Kolonne, die schon weit vorn sein sollte.
    »Wahrscheinlich ein Irrtum«, dachte der alte Oberkommandierende.
    Weiterhin erblickte Kutusow Infanterieregimenter, deren Gewehre noch in Pyramiden standen, während die Soldaten Grütze kochten. Er rief einen Offizier herbei und erfuhr, daß noch gar kein Befehl zum Angriff erfolgt sei.
    »Wie? Was?« begann Kutusow, dann hielt er an und befahl, den ältesten Offizier zu rufen. Er stieg aus und ging mit gesenktem Kopf schwer atmend und schweigend auf und ab. Als der verlangte Generalstabsoffizier Eichen erschien, rötete sich Kutusows Gesicht nicht, weil dieser Offizier schuldig, sondern weil er ein passender Gegenstand zur Äußerung seines Zornes war. Zitternd und keuchend vor Wut stürzte der alte Mann auf Eichen zu, drohte ihm mit den Fäusten, schrie und stieß Schimpfworte aus. Ein anderer Kapitän, der ihm in die Nähe kam und auch ganz unschuldig war, erlitt dasselbe Schicksal.
    »Was ist das noch für eine Canaille? Ich lasse die Schurken erschießen«, schrie er mit heiserer Stimme, schwankend und mit heftigen Gebärden. Er, der Oberkommandierende, der Durchlauchtigste, welchem eine so hohe Gewalt verliehen war, wie noch niemand zuvor in Rußland – er war in diese lächerliche Lage versetzt worden.
    »Umsonst habe ich gebetet, die ganze Nacht nicht geschlafen und alles überlegt«, dachte er. »Als ich noch ein junges Offizierchen war, hätte niemand gewagt, mich so zu verlachen ... Aber jetzt ...« Er empfand physischen Schmerz, den er nur durch wütendes Schreien ausdrücken konnte. Bald aber verließen ihn seine Kräfte, er sah sich um und erinnerte sich, daß er vieles ausgesprochen hatte, was nicht schön war, setzte sich in die Kutsche und fuhr schweigend zurück. Seine Wut erneuerte sich nicht mehr, und Kutusow hörte müde und mit den Augen blinzelnd die Rechtfertigungen wie die eindringlichen Ratschläge von Bennigsen, Konownizin und Toll an, die mißlungene Bewegung auf den folgenden Tag aufzuschieben. Kutusow war genötigt, dazu seine Einwilligung zu geben.

223
    Am folgenden Tag sammelten sich die Truppen abends an den bestimmten Stellen und in der Nacht rückten sie vor. Es war eine dunkle Herbstnacht, aber ohne Regen. Es war verboten, laut zu sprechen und zu rauchen oder Feuer anzumachen. Die Leute marschierten vergnügt weiter, das Geheimnis des Unternehmens erhöhte seinen Reiz. Einige Kolonnen machten halt, stellten die Gewehre zusammen und legten sich auf die feuchte Erde, als sie glaubten, an der richtigen Stelle angekommen zu sein. Die meisten Kolonnen aber marschierten die ganze Nacht und kamen doch nicht an der bestimmten Stelle an. Nur Graf Orlow Denissow kam zur rechten Zeit auf dem bezeichneten Punkt an mit seinen Kosaken, welche eine der unbedeutendsten aller Abteilungen bildeten. Sie nahmen Stellung am äußersten Waldrand, an einem Fußweg von dem Dorf Stromilowa nach Dmitrowskoi.
    Vor Tagesanbruch wurde Graf Orlow geweckt. Man führte ihm einen Überläufer aus dem französischen Lager vor. Das war ein polnischer Unteroffizier vom Korps Poniatowskys. Er sagte, er sei im Dienst zurückgesetzt worden, er müßte schon lange Offizier sein, weil er tapferer als alle anderen sei, und darum habe er die Franzosen verlassen und wolle sich rächen. Er beteuerte, Murats Quartier sei nur eine Werst entfernt, und wenn man ihm hundert Mann geben wolle, so werde er Murat lebend gefangennehmen. Graf Orlow beriet sich mit seinen Genossen. Der Vorschlag war zu verlockend, um zurückgewiesen zu werden; alle rieten zu einem Versuch. Nach langer Besprechung

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