Kriegsklingen (First Law - Band 1)
Die Art von Menschen, deren Augen stets auf den weit entfernten Horizont gerichtet waren.
So einer war der hier aber nicht.
Noch nie in seinem Leben hatte Jezal einen derart ungeschlachten Mann gesehen. Selbst Fenris der Gefürchtete hatte im Vergleich zivilisiert gewirkt. Sein Gesicht glich einem ausgepeitschten Rücken und war kreuz und quer von zahllosen gezackten Narben durchzogen. Seine Nase war schief und zeigte ein wenig zur Seite. Ein Ohr trug eine tiefe Kerbe, und ein Auge erschien ein wenig höher zu liegen als das andere, vielleicht, weil es von einer halbmondförmigen Wunde eingefasst war. Das ganze Gesicht wirkte zerschlagen, zerbeult und schief, wie das eines Preisboxers, der ein paar Runden zu lange durchgehalten hat. Sein Gesichtsausdruck hingegen vermittelte den Eindruck, als sei er geistig dank überreichlichen Weingenusses bereits zu Boden gegangen. Mit gerunzelter Stirn und offenem Mund glotzte er das Torhaus an, als habe er nicht mehr Verstand als ein Tier.
Er trug einen langen Fellmantel und einen goldverzierten Waffenrock aus Leder, aber diese ganze barbarische Pracht ließ ihn nur noch unzivilisierter erscheinen, zumal das lange, schwere Schwert an seinem Gürtel nicht zu übersehen war. Der Nordmann kratzte sich unter seinen Bartstoppeln an einer großen rosa Narbe am Kinn, während er zu den hoch aufragenden Mauern aufsah, und Jezal fiel auf, dass ihm ein Finger fehlte. Als ob noch ein weiterer Beweis nötig gewesen wäre, dass dieser Mann ein gewalttätiges und brutales Leben führte.
Und diesen riesenhaften Wilden sollte er in den Agriont lassen? Wo sie doch mit den Nordmännern im Krieg lagen? Das war undenkbar! Aber Morrow bahnte sich bereits einen Weg durch die Umstehenden. »Der Lord Schatzmeister erwartet Sie, meine Herren«, brachte er hervor, während er sich schmeichlerisch vor dem alten Mann verbeugte. »Wenn Sie mir also bitte folgen möchten …«
»Einen Augenblick.« Jezal packte den Untersekretär am Ellenbogen und zog ihn zur Seite. »Ihn auch?«, fragte er ungläubig und deutete mit dem Kinn auf den Wilden in dem Fellmantel. »Wir sind im Krieg, wie Sie wissen!«
»Lord Hoffs Anweisungen sind vollkommen eindeutig!« Morrow befreite sich aus Jezals Griff, und seine Brillengläser funkelten. »Sie können ihn ja hier behalten, wenn Sie wollen, aber das dürfen Sie dann dem Lord Schatzmeister selbst erklären!«
Jezal schluckte. Das war keine besonders angenehme Vorstellung. Er sah zu dem alten Mann hinüber, konnte ihm aber nicht lange in die Augen sehen. Er hatte eine geheimnisvolle Ausstrahlung, als ob er etwas wüsste, was außer ihm niemand erraten konnte, und das war äußerst irritierend.
»Sie … müssen … Ihre … Waffen … hier … ablegen!«, rief er und brachte die Worte dabei so langsam und deutlich wie möglich hervor.
»Gerne doch.« Der Nordmann zog sein Schwert aus dem Gürtel und hielt es ihm hin. Es lag schwer in Jezals Händen: eine große, schlichte, brutal wirkende Waffe. Ihm folgte ein langes Messer, dann kniete sich der Hüne hin und zog ein weiteres aus seinem Stiefel. Ein drittes hatte hinten in seinem Gürtel gesteckt, und dann holte er noch eine dünne Klinge aus seinem Ärmel, bevor er Jezal die Waffen in die ausgestreckte Hand legte und breit lächelte. Es war ein wirklich schauderhafter Anblick, wie die zerfurchten Narben sich zuckend bewegten und sein Gesicht noch schiefer erscheinen ließen als zuvor.
»Man kann nie zu viele Messer haben«, knurrte er mit tiefer, rauer Stimme. Niemand lachte, aber das schien ihn nicht zu stören.
»Gehen wir?«, fragte der alte Mann.
»Unverzüglich«, sagte Morrow und wandte sich zum Gehen.
»Ich begleite Sie.« Jezal lud den Arm voller Waffen bei Kaspa ab.
»Das ist wirklich nicht nötig, Herr Hauptmann«, beharrte Morrow mit näselnder Stimme.
»Ich bestehe darauf.« Sobald er beim Lord Schatzmeister angekommen war, konnte der Nordmann ermorden, wen er wollte – das fiel nicht mehr in seine Zuständigkeit. Aber man würde Jezal zur Verantwortung ziehen, falls er auf dem Weg dorthin etwas anstellte, und er wollte verdammt sein, wenn er das zuließ.
Die Wachen traten zur Seite, und die seltsame Prozession durchschritt das Tor. Morrow ging voran und flüsterte dem alten Mann in dem prächtigen Gewand über die Schulter hinweg schmeichlerische Nichtigkeiten zu. Dahinter kam der bleiche junge Mann, dann Sulfur. Der neunfingrige Nordmann stampfte als Letzter dahin.
Jezal folgte ihnen mit den
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