Lanze und Rose
trotzdem glauben, einen Mann vor sich zu haben. Warte … Ich habe vielleicht eine Lösung«, erklärte er und ließ sie los. »Rühr dich nicht vom Fleck.«
Er zog ein Plaid aus einer seiner Satteltaschen und reichte es ihr.
»Leg dir das als arisaid 13 um.«
»Aber das ist der Tartan der Macdonalds! Glaubst du, das wird meinem Vater nicht auffallen? Er hat um euretwillen so sehr gelitten …«
Sie verbiss sich die scharfe Bemerkung, die sie hatte machen wollen.
»Mein Vater weiß die feindlichen Farben zu erkennen, Duncan. Und ihr seid unsere Feinde.«
»Nicht in diesem Krieg, Marion.«
Einen Moment lang sah sie in seine blauen Augen, dann nahm sie den in hellen Farben gemusterten Stoff und schlang ihn sich geschickt um. Duncan lächelte erfreut.
»Die Farben stehen dir ausgezeichnet. Du siehst aus wie die Gattin eines Edelmannes aus Glencoe. Man könnte dich glatt verwechseln.«
»Geh doch zum Teufel, Macdonald!«, murrte sie und wandte sich so heftig ab, dass der Stoff nur so um sie herumflog.
Sie schürzte ihren improvisierten Rock und rannte auf das Regiment von Glenlyon zu, das nur etwa hundert Fuß von ihnen entfernt Aufstellung genommen hatte. »Cruachan !« Ihr Schrei hallte über die Heide, und in den Reihen kam Unruhe auf. Die Männer fuhren herum, die Muskete schussbereit in der Hand. Marion blieb wie angewurzelt stehen. Das Echo des Kriegsrufs der Campbells, den sie ausgestoßen hatte, wurde von dem Nebel erstickt, der sich über den Hügeln von Glen Lonan auszubreiten begann. Grabesstille senkte sich herab. John Buidhe Campbell
lenkte sein Pferd einige Schritte auf Marion zu. Das Mädchen stand jetzt wie gelähmt vor gut hundert Gewehrläufen, die sich auf sie richteten. Duncan trat hinter dem Busch hervor und ging vorsichtig, mit erhobenen Händen, auf die Soldaten zu.
»Fraoch Eilean!«
»Verschwindet!«, schrie Glenlyon.
»Wir müssen mit Euch sprechen… Das heißt, Marion will mit Euch reden.«
»Marion? Gott im Himmel! Bist das wirklich du, Marion?«
Sekunden später stand der Laird mit zornrotem Gesicht vor ihnen.
»Marion Campbell! Würdest du mir bitte erklären, was du hier treibst?«
Ungläubig betrachtete der Mann seine Tochter. Sein Blick glitt zuerst über die Farben von Glencoe und kehrte dann zu ihrer flehenden Miene zurück.
»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, brüllte er und ballte die Fäuste.
»Ich bin gekommen, um unnötiges Blutvergießen zu verhindern. Zieh deine Soldaten zurück, Vater. Es muss sein.«
Glenlyon drehte sich um und betrachtete die Hügel, auf denen die Rotröcke standen, und stieß dann einige unflätige Worte aus.
»Es steht dir nicht zu, dich in solche Dinge einzumischen, Tochter. Das geht nur Männer etwas an. Geh nach Hause.«
»Nein, erst, wenn ich sehe, dass ihr euch zurückzieht.«
»Mich zurückziehen?«, gab er mit wutverzerrtem Gesicht zurück. »Ich werde niemals vor Argyle weichen. Dieser eingebildete Rüpel wird hier ganz gewiss nicht das letzte Wort haben!«
»Vater, Fanab war der einzige Freund deines Vaters. Bestimmt hegt er ebenso wenig wie du den Wunsch zu kämpfen. Und außerdem hat dieser Krieg nichts mit unseren kleinlichen Rachegelüsten gegen den Duke of Argyle zu tun. Die Krone der Stuarts steht gegen die von Hannover. Wenn deine Männer sich massakrieren lassen, was für eine Armee kannst du Mar und dem Prätendenten dann noch anbieten? Das ist doch alles nicht der Mühe wert. Ihr müsst den Rückzug antreten, ich beschwöre dich.«
Glenlyon hatte es die Sprache verschlagen. Seine Miene war ausdruckslos, nur seine tief in den Höhlen seines mageren Gesichts liegenden Augen bewegten sich und huschten zwischen seiner Tochter und dem Mann aus Glencoe hin und her.
»Ihr! Was habt Ihr mit meiner Tochter zu schaffen, dreckiger Bengel?«
»Vater!«
»Halte den Mund, Marion!«
Er war blass vor Wut.
»Ich begleite sie, um ihre Sicherheit zu gewährleisten, Sir.«
»Wollt Ihr mich zum Narren halten? Meine Tochter soll in den Händen eines Mannes aus Glencoe sicher sein! Heilige Muttergottes! Erzählt diesen Unsinn jemand anderem, Macdonald.«
»Er sagt die Wahrheit«, bestätigte Marion, die sich über das Verhalten ihres Vaters ärgerte. »Man hat ihn beauftragt, mich zu beschützen.«
»Man hat ihn beauftragt? Könntest du mir vielleicht auch sagen, von wem du sprichst?«
»Von Alasdair Og Macdonald und …«
»Alasdair? Herrgott, Tochter! Was hattest du denn bloß in dem verfluchten Tal zu
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