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Leichenblässe

Titel: Leichenblässe Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Simon Beckett
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uns einen schmalen Kiesweg entlang, der immer dürftiger wurde und mit immer
     mehr Unkraut überwuchert war, je weiter wir gingen. Als wir die hohe Eibenhecke erreichten, die die Rückseite abschirmte,
     war er kaum mehr als ein Trampelpfad auf dem Rasen.
    Wenn die Vorderseite der Kapelle schon heruntergekommen war, dann zeigte sich hinter der Hecke die wahre Schäbigkeit von Steeple
     Hill. Ein hässlicher, zweckmäßiger Anbau ragte in einen eingefriedeten Hof, der mit verrosteten Geräten und leeren Containern
     vollgestellt war. Vor der offenen Hintertür war der Boden mit ausgetretenen Zigarettenkippen übersät, die wie schmutzige weiße
     Pastillen aussahen. Eine Atmosphäre der Verwahrlosung und des Verfalls hing über diesem Hof, der von unzähligen, aufgeregt
     über dem Müll herumschwirrenden Fliegen beherrscht wurde.
    «Dadrinnen ist die Leichenhalle», sagte Gardner und deutete mit einem Nicken auf den Anbau. «Das Team der Spurensicherung
     hat noch nichts gefunden, aber die Umweltschutzbehörde ist nicht besonders glücklich über Yorks Betriebsführung.»
    Als wir uns dem Eingang näherten, hörte man laute Stimmen. Drinnen konnte ich Jacobsen sehen, gut einen Kopf kleiner als die
     Männer in ihrer Begleitung, aber mit trotzig erhobenem Kinn. Zwei der Männer waren wahrscheinlich Beamte der Umweltschutzbehörde,
     die Gardner erwähnt hatte. Der dritte war York. Er schrie beinahe, bebend vor Emotionen, und fuchtelte mit einem Finger in
     der Luft herum.
    «…   ungeheuerlich! Das hier ist ein angesehenes Unternehmen! Ich werde mir diese Unterstellungen nicht bieten   …»
    «Niemand unterstellt Ihnen etwas, Sir», unterbrach Jacobsen |188| ihn höflich, aber bestimmt. «Dies ist Teil einer laufenden Mordermittlung, es ist also in Ihrem eigenen Interesse, zu kooperieren.»
    Die Augen des Bestattungsunternehmers traten hervor. «Sind Sie
taub
? Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich nichts weiß! Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie dieser Aufruhr meinem Ruf
schadet

    Offenbar war er blind für die Verwahrlosung um ihn herum. Als er uns vorbeigehen sah, brach er seine Tirade ab.
    «Dr.   Lieberman!», rief er und eilte heraus zu uns. «Sir, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie helfen würden, dieses Missverständnis
     aufzuklären! Unter Fachleuten, können Sie diesen Leuten bitte begreiflich machen, dass ich mit alldem nichts zu tun habe?»
    Tom wich unweigerlich einen Schritt zurück, als der Bestattungsunternehmer auf ihn zustürzte. Gardner stellte sich zwischen
     die beiden.
    «Dr.   Lieberman ist im Auftrag des TBI hier, Mr.   York. Gehen Sie wieder rein, dann wird Agent Jacobsen   …»
    «Nein, das werde ich nicht! Ich werde nicht untätig zusehen, wie der gute Name von Steeple Hill in den Schmutz gezogen wird!»
     Im morgendlichen Sonnenschein konnte ich sehen, dass Yorks Anzug erneut schmuddelig und zerknittert war, und auf dem Hemdkragen
     hatten sich Schuppen angesammelt. Er war unrasiert, seine Wangen waren mit grauen Stoppeln überzogen.
    Jacobsen war herausgekommen und hatte sich neben ihn gestellt, sodass der Bestattungsunternehmer zwischen ihr und Gardner
     eingekeilt war und nirgendwohin konnte. Neben dem verwahrlosten Mann sah sie gepflegter aus denn je. Sie verströmte einen
     Duft nach Shampoo und einem unaufdringlichen Parfüm.
    |189| Ihre Stimme war allerdings alles andere als sanft, und sie wirkte gelassen, aber auch auf alles gefasst. «Sie müssen wieder
     zurückkommen, Sir. Die Herren von der Umweltschutzbehörde haben noch ein paar Fragen zu stellen.»
    York ließ sich von ihr zurück ins Gebäude lotsen, starrte uns dabei aber die ganze Zeit über die Schulter an.
    «Das ist eine Verschwörung! Eine
Verschwörung
! Glauben Sie, ich weiß nicht, was hier vor sich geht?
Glauben Sie
das?»
    Seine Stimme hallte hinter uns her, als Gardner uns wegführte. «Tut mir leid.»
    Tom lächelte, aber die Sache schien ihn mitgenommen zu haben. «Er ist wohl ziemlich verzweifelt.»
    «Und das ist erst der Anfang.»
    Gardner ging zu den Bäumen hinter der Leichenhalle der Kapelle. Zwischen die Stämme war Absperrband gebunden worden, und durch
     die Äste konnte ich weißgekleidete Gestalten bei der Arbeit sehen.
    «Einer der Spürhunde hat die Leichenteile gefunden», sagte Gardner. «Sie sind ziemlich weit verstreut, aber nach den bisherigen
     Erkenntnissen stammen sie von einer Person.»
    «Definitiv menschlich?», fragte Tom.
    «Sieht so aus. Zuerst waren wir uns nicht

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