Letzte Reise
nichts. Mit aller Kraft schob sie die Erinnerung an den Mann, der für sie seinen Arm entblößt hatte, beiseite. Da kam Nathaniel. Er rannte auf sie zu, und sie fing ihn in ihren Armen auf.
3
Der letzte Tag im langen Monat Juli war ein Montag, ein Anfang und ein Ende zugleich. Elizabeth war mit einer gewissen Entschlußkraft aufgewacht und hatte den Vormittag mit dem Packen von Jamies Reisekiste zugebracht. Würde er seinen Vater noch sehen, bevor er nach Portsmouth abreiste? Durfte sie ihn zu Hause behalten, bis James zurück war? Sie hatte keine Geduld mehr, sich mit dieser Art von Fragen zu befassen. Die Schule fing an, Jamie war als Schüler angenommen und eingeschrieben worden, alles mußte reisefertig gemacht werden. Daß ihre Söhne zur See fahren würden, stand fest, darüber war nie ein Gespräch möglich gewesen. Als James die Besatzung für seine erste Weltreise zusammenstellte, hatte er der Liste die Namen seiner Söhne hinzugefügt. Sie waren damals drei und vier gewesen, sie blieben zu Hause bei ihr und Frances, doch sie standen als ›Bediensteter des dritten Leutnants‹ und ›Zimmermannsgehilfe‹ auf der Musterrolle. Elizabeth hatte Bedenken geäußert, es sei doch eine Lüge, die Knirpse als angehende Matrosen aufzuführen, und das könne James' Karriere gefährden. Wenn nämlich jemand den Betrug entdeckte und meldete, würde James ein für allemal aus der Marine entlassen werden. Daß sie sich über die ganz selbstverständliche vorzeitige Berufswahl für ihre Kinder ärgerte, sagte sie nicht. Das fiel ihr ein, wenn James weg war, doch wenn er ihr gegenübersaß, lagen ihr solche Überlegungen fern.
»Sie müssen Erfahrung haben«, hatte er erklärt. »Je mehr Dienstjahre, desto schneller die Beförderungen. Ich selbst habe viel zu spät angefangen; wenn Palliser mich nicht immer wieder empfohlen und aller Aufmerksamkeit auf mich gelenkt hätte, wäre ich jetzt noch ein einfacher Steuermann. Die Laufbahn der Jungen darf nicht durch derlei Zufälle bestimmt werden. Ich möchte, daß sie eine bessere Ausgangsposition haben als ich.«
Sie hatte verstanden; als Jamie und Nat auch auf der Musterrolle für die zweite Reise auftauchten, hatte sie geschwiegen.
Ungeachtet des Weitgereistseins auf dem Papier stand ihr ältester Sohn erst am Beginn seiner Ausbildung. Sie hatte die weißen Hemden mit dem offenen Kragen gewaschen und gebügelt. Jetzt legte sie sie zusammen und tat sie oben in die Kiste. Kinderhemden. Sie wußte nicht recht, warum ihr Jamies Abreise so viel ausmachte. Gut, er würde ihr natürlich fehlen, es würde schrecklich sein, seine Stimme nicht mehr Tag für Tag zu hören, seinen robusten Leib nicht mehr im Haus zu wissen, nicht mehr über seine Geschichten lachen zu können. Doch hinter dem anstehenden Verlustempfinden verbarg sich etwas anderes, eine Unruhe, ein Mißbehagen, das sie nicht fassen konnte.
Jamie selbst freute sich schon seit Monaten. Er konnte es gar nicht erwarten, seine Klassenkameraden kennenzulernen, und paradierte in seinen neuen Stiefeln durchs Zimmer. Seinetwegen brauchte sie nicht niedergeschlagen zu sein, er folgte seinem Vater furchtlos und voll kindlicher Erwartung. Sie straffte die Schultern und klappte die Kiste zu.
Mit der Gartenschere in der Hand ging sie nach draußen. Eigentlich müßte sie sich auf die Knie niederlassen, um die frischen Triebe des unausrottbaren Gierschs herauszureißen, doch statt dessen schnitt sie einen Strauß von den unbändig blühenden rosafarbenen Malven. Ihre Hand lag schon auf dem Gartentor, sie wollte kurz zum Friedhof laufen, zu einem raschen Besuch bei ihrer Tochter, als sie jemanden an die Eingangstür klopfen hörte. Sie ging aufmachen, die Blumen im Arm.
Ein Junge stand vor der Tür, vielleicht ein, zwei Jahre älter als Jamie, ein keuchender, aufgeregter Matrosenlehrling mit roten Wangen. Er hielt seine Mütze in der Hand und schaute ihr direkt ins Gesicht.
»Der Kapitän!« rief er. »Der Kapitän ist zurück! Ich soll es Euch sagen. Er ist drüben. Anschließend kommt er nach Hause. Damit Ihr es wißt. Er kam in einer Karosse, mit den anderen Herren. Sie hatten die Uhr bei sich. Die lief immer noch! Herr Solander sagte, ich soll zu Euch gehen, um es zu sagen. Mile End, sagte er. Er wartete auch auf den Kapitän, alle liefen auf und ab. Ich auch, denn ich wollte ihn sehen. Mein Dienst war um, aber ich blieb. Er sprang aus der Kutsche und rannte die Stufen hinauf! Ich habe ihn gesehen!«
Sie nahm den Jungen
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