Leuchtfeuer Der Liebe
gehabt, mit Granger um die Gunst von Emily Leighton zu wetteifern. Aber beide hatten sich in sie verliebt.
Jesse vermutete, dass Granger starkes Interesse an der zweiten Eheschließung seines einstigen Rivalen zeigen würde. Noch dazu, da es sich um die Frau handelte, die er geschwängert hatte.
„Kennt er dich unter deinem wirklichen Namen?" fragte Jesse.
„Meinem Namen?"
„Kennt er dich als Mary Dare?"
Sie lächelte zu ihm auf. Er wünschte, sie würde nicht lächeln. Er ertrug den Anblick ihres schönen Gesichts nicht. „Du bist der Einzige, der mich als Mary Dare kennt."
Wieder spürte Jesse, wie er in den Schwindel erregenden Strudel unter Wasser gezogen wurde. „Du hast mich belogen."
„Es schien mir angebracht. Dare ist der Mädchenname meiner Mutter. Mein wirklicher Name ist Mary O'Donnell. Mary Dare O'Donnell. Granger weiß nichts von Dare."
„So wie du mir nichts über O'Donnell gesagt hast."
Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Nachdem ich Schiffbruch erlitten hatte, wachte ich im Haus eines mürrischen Fremden auf. Weshalb hätte ich ihm meine ganze Geschichte erzählen sollen? Ich bin vor Granger geflohen. Du solltest dir lieber Sorgen um deine Schwester machen."
„Um Annabelle?" Ein Frösteln durchlief Jesse. „Er hat sich dir gegenüber ausgesprochen schäbig verhalten. Aber Annabelle ist seine Ehefrau, nicht seine ..." Er verstummte unvermittelt. Zu spät.
„Nicht seine Hure", beendete Mary den Satz für ihn.
„Das meinte ich nicht..."
„Doch, und du hast ja Recht. Der Grund, warum er so niederträchtige Pläne mit mir hatte, war die Tatsache, dass seine Frau unfruchtbar ist. Anfangs wusste ich nichts von seiner Ehe. Er sagte mir die Wahrheit erst, nachdem wir ..." Sie legte den Arm schützend um ihren dicken Bauch. „Er sagte, sie wünsche sich sehnlichst ein Kind, sie wolle mein Kind als das ihre großziehen, es verwöhnen und ihm alles bieten, was es sich nur wünschen würde."
Jesse war nicht überrascht, dass diese Gründe Mary nicht hatten überzeugen können. Sie glaubte unerschütterlich an die Macht der Liebe.
Und sie war fest davon überzeugt, dass die Liebe einer Mutter für ihr Kind weitaus wichtiger war als Reichtum, Bildung und Erziehung.
Er bedauerte seine Schwester Annabelle. Sie war ein sonniges, unbeschwertes kleines Mädchen gewesen, die das prachtvolle Haus seiner Eltern mit Lachen erfüllt hatte. Ob sie sich in all den Jahren sehr verändert hatte?
Und was, um Himmels willen, würde sie denken, wenn sie erfuhr, dass ihr Bruder die Geliebte ihres Ehemannes geheiratet hatte?
Ohnmächtige Wut drohte ihn zu ersticken. „Es bringt nichts, darüber zu diskutieren, was hätte sein können", sagte er dumpf. „Wir müssen jetzt über die Gegenwart reden. Tatsache ist, dass ich dich geheiratet habe, ohne zu wissen, wer der Vater deines Kindes ist."
„Ich habe dich nicht absichtlich belogen." Mary lehnte sich gegen die Verandabrüstung und rieb sich das schmerzende Kreuz.
„Dennoch ..."
„Wieso ist das so kompliziert?" fragte sie gereizt. „Du ..." Sie sprach nicht weiter, neigte den Kopf zur Seite, als horche sie auf ein entferntes Geräusch, dabei rieb sie sich immer noch das Kreuz.
„Was ist los?" fragte er. „Geht es dir nicht gut?"
„Doch, es ist alles in Ordnung. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Du hast Granger seit Jahren nicht gesehen. Warum machst du dir seinetwegen Gedanken? Kannst du es nicht einfach dabei bewenden lassen?"
„Nein."
„Warum nicht?"
„Wenn aus Granger der Mann geworden ist, wie du ihn beschreibst - ein Mann, der eine mittellose junge Frau belügt, sie entehrt und versucht, ihr das Kind wegzunehmen dann ist er auch eine Gefahr für meine Schwester."
Mary schluckte schwer. „Du musst nach Portland reisen und Annabelle besuchen."
„Ja." Er hatte die Halbinsel seit zwölf Jahren nicht verlassen. Und er würde die Reise mit dem Schiff machen müssen. Mit dem Schiff.
„Und du musst ihr die Wahrheit über mich sagen."
„Die Wahrheit?" Er fuhr aufgebracht zu ihr herum. Die Antwort drängte sich ihm auf mit einer Bitterkeit, die seit Emilys Tod in seinem Herzen lag. Ohne zu überlegen, wie Mary auf seine Worte reagieren würde, sagte er mit vor Ironie triefender Stimme: „Wir erklären Annabelle einfach, dass wir demnächst die Eltern von Grangers Kind sein werden. Es wird ein etwas seltsames Familientreffen, meinst du nicht auch?"
Sie taumelte nach hinten, als habe er sie geschlagen, legte die
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