Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Liebesbrand

Liebesbrand

Titel: Liebesbrand Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Feridun Zaimoglu
Vom Netzwerk:
wollte sie nichts
     zu tun haben, sie war nicht schwanger, behauptete aber, bald ein Kind auszutragen, ein Trauma, eine Höllenangst, woher kam
     sie? ich müßte es doch wissen, ich hätte ein Unglück mit vielen Toten überlebt, und überhaupt, sie nahm an, daß ich mir ein
     zweites Domizil in Prag gekauft hatte, ich wüßte ja nicht, wohin mit dem vielen Geld.
    Meine Einwände ließ sie nicht gelten, ich bin nicht sagenhaft reich, sagte ich und blickte auf die Steinkolosse am Tor der
     Giganten, das den Westeingang der Prager Burg bildete, die beiden Riesen auf breiten Sockeln waren mit einem Knüppel und einem
     Dolch bewaffnet, und sie waren in der Pose des Augenblicks eingefroren, da sie den unterworfenen Feind gleich morden würden,
     die Soldaten in den Wachhäuschen an den Sockeln waren auch erstarrt, sie blinzelten in die Sonne oder schielten auf mich,
     der ich sie komischerweise zu beunruhigen schien. Ich war doch nur ein Besucher, und ich lauschte doch nur einer Bekannten,
     die eigentlich wissen wollte, ob es eine Möglichkeit gab, mich zu besuchen, und so wie Gabriel mußte ich auch sie enttäuschen,
     in letzter Zeit bekam ich viele Anrufe von Menschen mit Fernweh. Ich rauchte zuviel, mittlerweile zwei Schachteln am Tag,
     und die Tschechen, wenn sie denn auf mich aufmerksam werden wollten, auf der Straße, im Hotelfoyer, in den Bars und Restaurants,
     in denen ich öfter alleine am Tisch saß, hielten mich für einen nervösen Ganoven, der kurz davor war, geschnappt zu werden.
     Und die Nächte. Wie sollte ich sie überstehen? Wie konnte ich nur einschlafen? Ich nahm keine Tabletten, ich hatte zu große
     Angst, von chemischen Substanzen abhängig zu werden, ich riskierte es also, eine Stunde wach zu liegen, meistens eine Stunde,
     und dann wachte |290| ich auf, morgens, und wunderte mich über meine Langeweile und meine Übelkeit, die aber beim Zähneputzen verging: Nach der
     ersten Zigarette des Tages vor dem Frühstück und nach der ersten Tasse Kaffee vor dem Brötchen ging es mir gut. Nur nicht
     an das Ende denken.
    Ich hatte mich mit ihr, mit der geliebten Frau, auf ein Ende geeinigt wie ein Händler, dieses nicht häßliche, nicht perfekte
     Ende hätte sie vorausgesehen, hatte sie gesagt, es wäre das eingetreten, was eintreten mußte, sie hatte es gewußt gespürt
     gefühlt, so war das, das Ende. Ich schritt durch das Tor und sah die monströsen Fahnenstangen, die bunten Banner flatterten
     im Wind, ein Postkartenmotiv, und auch der kleine Triumphbogen aus Sandstein sah aus, als hätte man ihn eigens für die Fremden
     mit ihren Fotoapparaten errichtet, und als ich mich im zweiten Burghof umsah, entdeckte ich Jarmila, sie stand an dem alten
     Brunnen mit der schwarzen Gitterhaube, ein kleiner Mensch neben einem großen Vogelhäuschen, dachte ich, tatsächlich sah der
     schmiedeeiserne Aufsatz des Brunnens aus wie eine Voliere. Sie blickte erst auf, als ich sie leicht an der Schulter berührte,
     sie fuhr nicht herum, sie schrie nicht auf, und doch wußte ich, ich hatte sie erschreckt, sie war in Gedanken versunken. Sie
     fragte mich, wie es mir ginge, und ich sprach von den Bekannten aus Deutschland, die mich anriefen, um sich von mir nach Prag
     einladen zu lassen.
    Willst du nicht dorthin? sagte sie und zeigte auf die Türme des Doms.
    Ich glaube nicht.
    Früher wurden die Krönungskleinodien in der Wenzelskapelle ausgestellt, sagte sie, wenn du magst, kann ich dich durch den
     Dom führen.
    Die Könige und die Heiliggesprochenen gehen mich nichts an, sagte ich.
    |291| Alle, die ich kenne, waren schon drin. Du wirst es später bereuen.
    Kaum, sagte ich, dieser Pomp ist widerlich.
    Was willst du dann?
    Laß uns irgendwohin gehen und sprechen.
    Du hast es eilig, stellte sie fest, du willst es loswerden.
    Hast du wieder … Plasma abgegeben?
    Das habe ich, sagte sie.
    War es schmerzhaft?
    Wie immer.
    Tu das nicht mehr, sagte ich, ich bitte dich darum.
    Findest du die blauen Flecken unappetitlich?
    Nicht deshalb. Führ’ mich in ein Restaurant und lass uns etwas essen.
     
    Und dann dort.
    Sie saß mit dem Rücken zum vergitterten Fenster, sie konnte deshalb nicht sehen, wie ein Feuerwerk Himmel abbrannte und in
     bunten Funkenfontänen verglomm, ich sah auf den Flaschenkorken neben dem Sektkühler, eine Seriennummer war eingebrannt, fünf
     vier sechs zwei drei, ich starrte auf die Zahlen, ich starrte auf den Bierdeckelhalter, ich sah auf und sagte ihr, daß sie
     schöne Augen hatte,

Weitere Kostenlose Bücher