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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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bekommt ein verschlossenes Gesicht, wie immer, wenn man mit ihm schimpft, ich bin auch krank, zischt er, und ich gehe zu dem Jungen, berühre zögernd seinen Arm und sage, achte nicht auf ihn, das ist sein Problem, es hat nichts mit dir zu tun, und der Junge zuckt mit den Schultern, ihm ist es wirklich egal, nur für mich war diese Unterscheidung notwendig, wie oft hat Annat mir schon zugeflüstert, das ist er, nicht du, das sind seine Probleme, nicht deine, und ich sagte dann, aber wenn wir zusammen sind, ist jedes seiner Probleme auch mein Problem und man kann es nicht trennen, und sie beharrte, tief innen kann man es.
    Mir scheint, als murmele er etwas, und ich beuge mich zu der gelblichen Glatze und frage, was hast du gesagt, Junge, und er sagt, ich bin kein Junge, ich bin ein Mädchen, für mich klingt das wie ein bedeutungsloses Mantra, doch dann richtet er sich auf, und ich sehe winzige Brüste, die sich an dem kranken Körper abzeichnen, was für ein Kampf der Kräfte spielt sich in seinem Inneren ab, man kann fast die beiden Hände unter dem Hemd miteinander ringen sehen, wie sie versuchen, sich gegenseitig unterzukriegen. Er ist ein Mädchen, kein Junge, als würde das etwas an dem Bild ändern, er ist ein Mädchen, und er ist ungefähr so alt wie Noga, mir wird schwindlig bei der Vorstellung einer Noga, die all ihre Locken verliert, ihren süßen Babyspeck, und an der Wand lehnt und an einem Lichtschalter herumspielt, mir wird so schwindlig, daß ich mich selbst an die Wand lehnen muß, und wie auf einer Röntgenaufnahme verwandeln sich die Farben, die Glatze des Jungen, der ein Mädchen ist, gleitet grau wie ein Wasserfall bei Nacht an mir vorbei, und die hohlen, tiefen Lichter sehen aus wie die hohlen Augen eines Skeletts, vor meinen Augen wird Udi auf seinem rollenden Bett schwarz, ich sehe seine Wirbelsäule, jeden einzelnen Wirbel, ich sehe die Galle, die in seinem Blut kocht, die kaulquappenartigen Samen der Katastrophe, und ich mache die Augen zu, versuche Ruhe zu finden in den durchsichtigen Flecken, die sich in der Dunkelheit hinter meinen Lidern gegenseitig verschlingen.
    Als ich die Augen wieder aufmache, ist Udi nicht mehr da, schuldbewußt und besorgt schaue ich mich um, wo ist er, ich habe ihn im Stich gelassen, und der Junge, der ein Mädchen ist, schaut mich mit hervorquellenden Augen an und deutet auf eine geschlossene Tür gegenüber und sagt, sie haben ihn zum Röntgen gebracht. Ich erschrecke, als erwarte ihn dort, hinter der Tür, eine gefährliche Operation, statt ihm meine Hingabe zu zeigen, lasse ich ihn im Stich, genau in dem Moment, in dem er mich braucht. Hör schon auf mit deinen Beweisen, würde Annat sagen, siehst du nicht, wie verdächtig das ist, was hast du denn getan, daß du dich die ganze Zeit rechtfertigen mußt, das macht ihn doch nur unruhig, und ich versuche tief zu atmen, lehne mich an die Wand und dehne mich, und meine Schulter drückt aus Versehen auf den Schalter, wieder geht das Licht aus, genau in dem Moment, als die Tür aufgeht und Udis Bett herausgerollt wird, ein Pfleger in grüner Kleidung hält in der einen Hand einen großen Umschlag, mit der anderen schiebt er das Bett, ich laufe hinter ihm her und bin plötzlich überflüssig.
    Was war, frage ich ihn, und er zischt feindselig, was kann schon sein, und ich versuche es noch einmal, was haben sie gesagt, und er sagt, nichts, hier sagt keiner was, aber in seiner Stimme liegt kein bitterer Ton, sondern nur kindliche Ergebenheit, und als wir zum Untersuchungsraum zurückkehren, sieht er zufrieden aus, als wäre er wieder zu Hause, er begutachtet seine vertraute Ecke, und ich setze mich neben ihn und lege meine Hand auf das Bündel Röntgenaufnahmen, eine Geheimschrift, die Licht in das Rätsel bringen wird, das uns bedroht. Komm, schauen wir uns die Bilder an, schlage ich vor, versuche, meiner Stimme den Ton fröhlicher Abenteuerlust zu verleihen, aber er sagt mit diesem neuen Gehorsam, sie sind nicht für uns bestimmt, als handle es sich um eine Privatsache zwischen Arzt und Krankenschwester und wir wären nur die Kuriere. Ich halte es nicht länger aus, ich nehme ihm den Umschlag ab, in dem unser Schicksal besiegelt ist, drücke ihn an die Brust und gehe hinaus, um einen Arzt zu suchen.
    Jetzt würde es mir sogar gefallen, die Schritte der Schwester zu hören, aber es scheint, als wären wir von allen verlassen, wie Kinder, die ohne die Aufsicht eines Erwachsenen zurückgeblieben sind, ich gehe zu dem

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