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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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Treue betont, eine beruhigende weiße Fahne in einem Meer von Drohungen, aber diese demonstrative Treue hat sich im Laufe der Jahre zu einer Waffe gegen mich verwandelt, eine weitere Art, gegen mich anzugehen und seine Überlegenheit zu beweisen. Schau, er konzentriert sich nur auf mich, nur auf mich zielen die Giftpfeile seines Klagens, seines Fanatismus, seiner inneren Kämpfe, seines unendlichen Verlangens, aber nun, da ich seine sehnsüchtig auf die Schwester gerichteten Blicke sehe, lege ich mir vor Gekränktheit die Arme um den Körper, die Kälte der Einsamkeit läßt mich erschauern, als habe man mich in diesem Moment aus dem Haus geworfen, sogar ohne daß ich mich anziehen durfte.
    Nun geht sie zu ihm, und er läßt sich mit dem demütigen Lächeln eines Kindes von ihr das Thermometer aus dem Mund ziehen, aber obwohl es fast in seinem Mund festklebt, stellt sich heraus, daß es keine gestiegene Temperatur anzeigt, sechsunddreißig sieben, trägt sie verächtlich auf der Fieberkurve ein, die an seinem Bett hängt, dann hebt sie kurz seine Decke, und ich sehe erstaunt, daß ein dünner Schlauch aus seinem Glied kommt und zu einem unter dem Bett versteckten Säckchen führt, das sich mit orangefarbener Flüssigkeit füllt. Alles, was der Körper sich zu verbergen bemüht, wird hier mit Leichtigkeit aufgedeckt, wann hat sie es geschafft, ihm den Schlauch einzuführen, vielleicht ist da ja Intimität zwischen ihnen entstanden, und jetzt hält sie seine Hand und mißt ihm den Blutdruck und den Puls und achtet darauf, ihn nicht loszulassen, doch nun ist alles vorbei, sie löst sich von ihm, schreibt die Ergebnisse auf und dreht ihm den Rücken zu, der Arzt wird gleich zu Ihnen kommen, sagt sie und entfernt sich schon, sie sieht nicht das unterwürfige Lächeln, das er ihr nachschickt, aber ich sehe es genau.
    Dann kommt der Arzt, ein auf eine kränkende Art junger Mann, ein richtiger Bubi, so daß wir kaum zugeben können, wie sehr wir auf ihn gewartet haben, energisch und ungeduldig hört er sich mit unbewegtem Gesicht an, was wir von den Ereignissen dieses Morgens zu berichten haben, was kann man schon groß erzählen von Beinen, die den Dienst verweigern, Udi wird es nicht langweilig, nur dem Arzt, seine ohnehin geringe Höflichkeit schmilzt, ungeduldig wie ein Junge, der die ermüdenden Ausführungen seines Vaters unterbricht, unterbricht er Udi, betastet die berühmten Beine, die Helden dieses Morgens, dann zieht er eine Nadel aus seiner Kitteltasche und fängt an, in die Beine zu stechen. Erstaunt beobachte ich, wie die Nadel im Fleisch versinkt und Udi keinen Ton von sich gibt, ich sehe, wie die Nadel das ganze Bein entlangwandert, ein kleiner Hammer gesellt sich zu ihr und schlägt auf die Knie, die reglos wie Holzstücke daliegen, während Udi noch immer heuchlerisch lächelt, stolz wie ein Fakir, bis der Arzt die Gegenstände wieder einsteckt, die Fieberkurve betrachtet, die am Bett hängt, und rasch die Untersuchung abschließt, wir müssen zuerst eine Röntgenaufnahme machen, um zu sehen, ob eine Verletzung der Wirbelsäule vorliegt, dann schauen wir weiter, und damit ist er auch schon verschwunden.
    Ich ziehe das Bett durch die vollen Gänge, Glasscheiben werfen für einen Moment unser Bild zurück, da sind wir, Udi und ich, die Infusion, der Katheter, zwei Menschen, die auf den Flur eines Krankenhauses gegangen sind, um sich miteinander zu unterhalten. Wo ist die Röntgenabteilung, frage ich, wo ist hier ein Aufzug, wie sollen wir alle in eine einzige Kabine passen, ein Aufzug nach dem anderen kommt überfüllt an, ich versuche nicht einmal, uns hineinzuzwängen, aber da macht man mir Platz, die Leute drücken sich an die Metallwand, ziehen den Bauch ein, atmen kaum, nur damit wir mitfahren können, Udi und ich und die Infusion mit der durchsichtigen Flüssigkeit und der Katheter mit der orangefarbenen Flüssigkeit, und so fahren wir hinunter in die Röntgenabteilung, die von einem kranken Neonlicht erhellt wird, doch am Ende des Flurs entdecken wir im Schein einer flackernden Lampe einen kahlköpfigen Jungen, der mit seinen schmalen Schultern an einem Schalter lehnt und ihn an- und ausmacht, ich sehe, wie Udi die Augen zusammenkneift und versucht, sich aufzurichten, laß den Schalter in Ruhe, brüllt er, hast du nichts Besseres zu tun, so sieht man doch gar nichts, das macht mir die Augen kaputt. Was ist heute mit dir, flüstere ich, was schreist du ihn an, siehst du nicht, daß er krank ist, und Udi

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