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Lord Schmetterhemd im wilden Westen

Lord Schmetterhemd im wilden Westen

Titel: Lord Schmetterhemd im wilden Westen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Max Kruse
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dem der Fotoapparat angeschraubt war, die
Mattscheibe, die fotografischen Platten und ein schwarzes Tuch unter dem Arm,
kehrte ich zurück. Meine Vorfahren erwarteten mich mit einem verschmitzten
Gesichtsausdruck, den ich mir erst später erklären konnte. Sie zeigten sich
dennoch sehr interessiert an der Erfindung des Fotografierens, hatten sie zu
ihrer Zeit doch nur den Pinsel des Malers, die Leinwand und Farben gekannt,
wenn ihr Porträt verewigt werden sollte.

    Mit
Freude erklärte ich ihnen alles. Wenn es um meine Leidenschaft ging, verlor ich
meine Zurückhaltung. Tante Turkie konnte sich nicht genug über die
Schnelligkeit verwundern, mit der wir heute ein Bild erzeugten. »Wenn ich daran
denke, wie viele Stunden, ja Tage ich dem alten Whis...«
    »Keine
Namen bitte !« rief Onkel Berni streng.
    »Nun
ja, ich meine ja nur, wie viele Stunden ich damals still sitzen mußte! Also:
unerträglich! Und das Porträt war dann doch abscheulich...«
    »Es
war sogar geschmeichelt !« meinte Onkel Rab boshaft.
»Pah !« machte Tante Turkie nur. Sie sah ihn
vernichtend an. Ich baute den Apparat auf und richtete die Linse auf die
Steintreppe des Turmes. Ich gruppierte Onkel Berni, Tante Turkie
    und
Onkel Rab nebst Cookie Pott malerisch zusammen. Cookie und Berni postierte ich
auf die oberste Stufe: das Skelett neben den Bernhardinerhund mit der
qualmenden Pfeife. Ich bat Onkel Rab, sich quer auf die Stufe darunter zu legen
und den Kopf auf die Vorderpfote zu stützen, während Tante Turkie sich so auf die
tiefste Stufe stellen sollte, daß ihr Truthennenkörper den Kaninchenbauch
vollkommen verdeckte. Rechts und links neben ihr waren nur Onkel Rabs Kopf und
andererseits seine Hinterbeine zu erblicken.
    Mir
erschien diese Gruppierung sehr wirkungsvoll.
    Leider
jedoch — ich will das Ergebnis gleich vorwegnehmen, das sich mir am Nachmittag
in den Entwickler-Schalen meiner Dunkelkammer enthüllte —: Cookie Pott stand
ganz allein auf der Treppe, und auch er nicht als Skelett, sondern in seiner
normalen Kleidung, mit natürlichem Körper.
    Und
da wurde mir der verschmitzte Ausdruck meiner Vorfahren klar: Weder Gespenster
noch von Gespenstern hervorgerufene Erscheinungen lassen sich auf die
fotografische Platte bannen. Für das unbestechliche Objektiv sind sie
unsichtbar. Und so erhebt sich trotz meiner eigenen Erfahrung noch die Frage,
ob sie nicht im tiefsten Grund nur Vorspiegelungen der Phantasie sind.
    Außer
dieser betrüblichen Erkenntnis bliebe von diesem Tage nur noch nachzutragen,
daß Cookie Pott sich in sein Bett verzog, und zwar, ohne sich seiner Kleider zu
entledigen. Denn es grauste ihn an seinem Skelett nach unsichtbaren Kleidern zu
suchen und unsichtbare Knöpfe zu öffnen. Er fiel sofort in einen bleiernen
Schlaf, aus dem er nach einigen Stunden in seiner mir
so vertrauten rundlichen Gestalt, ganz und gar menschlich, erwachte.

Coolwaters treffen ein und
speisen nicht ungestört zu Abend
     
    Die
Zeit verging in Windeseile. Ehe wir es uns versahen, war der Samstag gekommen,
für den Mr. und Mrs. Coolwaters Besuch verabredet worden war. Da die Wette
verlangte, daß sie die Nacht bis zum Sonnenaufgang in Bloodywood-Castle
verbringen mußten und sie wohl auch keine Stunde länger als nötig hier
verweilen wollten, kamen sie erst, als es Abend wurde. Wir hörten die Kutsche
schon von weither, und meine Vorfahren verabschiedeten sich von Cookie und mir,
da sie — wie man sich denken kann — nicht gesehen werden durften. Ich beschwor
sie nochmals, es nicht zu toll zu treiben, ich wünschte nicht, daß Mr. oder
Mrs. Coolwater Schaden nähmen, fürchtete Nervenzusammenbrüche oder einen
Herzschlag.
    Onkel
Berni beruhigte mich: »Sei unbesorgt, alter Junge. Wir wollen das auch nicht.
Denn wenn auch nur einer von beiden hier vor Schreck seinen Geist aufgäbe...
viel ist da ja wahrhaftig nicht aufzugeben, haha... dann würde er ja bis zum
Sonnenaufgang hierbleiben, wenn auch nur als Leiche! Und wir hätten unsere
Wette verloren !«
    Wenn
mir das auch einleuchtete, fand ich es doch etwas roh. Ich eilte aber nun
hinaus, um meine Gäste zu begrüßen.
    Mr.
Coolwater befand sich in der aufgeräumtesten Stimmung, und auch Mrs. Coolwater
ließ ihre Blicke auf eine Weise im Burghof herumschweifen, die mir unangenehm
war. Sie musterte die Gebäude so, als ob diese bereits ihr Eigentum seien und
sie sich die Veränderungen überlegte, die sie vornehmen wollte. Der Vorschuß an
Mitleid, den ich beiden zugedacht hatte, schmolz

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