Mein Leben als Androidin
meinen Lebenssaft einfror und mein Vegehirn erstarren ließ. Irgendwie brachte ich es fertig, zerrte an der Reißleine und spürte erleichtert, wie der Anzug sich aufblähte. Anschließend konnte ich bei jedem Salto beobachten, wie die Flotte als Reaktion auf meine ›Hinrichtung‹ zum Angriff auf das entführte Schiff überging. (Aus den offiziellen Berichten geht hervor, daß die Durchführung einer militärischen Rettungsaktion zwar ausgesetzt worden war, um jede Chance zu einer friedlichen Beilegung der Krise zu nutzen, doch General Harpi – der Oberkommandierende der Streitkräfte von Frontera – hatte die Vollmacht des Vizepräsidenten, sofort anzugreifen, sobald die Entführer mit der Exekution von Geiseln begannen.) Obwohl mein Ausblick auf das tragische Geschehen sich nicht mit dem der Medien messen konnte und ich mich auf meiner einsamen Umlaufbahn überdies immer weiter vom Ort der Handlung entfernte, konnte ich trotzdem das Landungsboot am Heck des Schiffs festmachen sehen. Innerhalb von Sekunden hatte das Einsatzkommando eine Notschleuse in der Hülle installiert, dann erhellten Laserblitze die Kabinenfenster wie flackernde Lichterketten an einem Weihnachtsbaum, gleich darauf gefolgt von der lautlosen – wie sich alles lautlos abgespielt hatte –, doch visuell beeindruckenden Explosion, die das Schiff vernichtete.
Als nächstes wirbelte im Sog der Druckwelle ein Schwall von Trümmern an mir vorbei; ein Sitzpolster traf mich in den Rücken und schob mich inmitten der Trümmerwolke vor sich her. Ich war umgeben von geschmolzenen und verdrehten Teilen der Außenhülle, das größte etwa sechs bis sieben Meter lang, mit Bullaugen längs der Mitte. Dazwischen schwebten Überreste der Kabineneinrichtung, Gepäckstücke und Leichen, viele Leichen, teils unversehrt, teils verstümmelt, teils eingehüllt in die Fetzen ihrer Raumanzüge, wie die kunterbunten Überbleibsel eines grausigen Picknicks. Ein schrecklicher, furchtbarer Anblick und lebensgefährlich, weil die leiseste Berührung eines scharfkantigen Plastik- oder Metallsplitters genügte, um meinen Raumanzug zu zerstechen. In Erwartung eines solchen Unglücks holte ich tief Luft und bereitete mich auf ein unausweichliches und qualvolles Ende vor, denn ein P9 kann bis zu zwölf Minuten lang den Atem anhalten. Meine Logikschaltkreise aber rebellierten gegen die sichere Annihilation, und ich verfiel plötzlich auf die abenteuerliche Idee, daß alles, was ich momentan erlebte, nur ein Holo war. Nichts von alledem war real, verstehen Sie, nur ein raffiniert arrangiertes Szenario zur Belustigung der Gebieter. Bestimmt verbargen sich Regisseur, Kamera und Assistenten nur ein paar Meter entfernt auf der anderen Seite dieser phantasievollen Kulisse, bei der es sich um nichts anderes handelte als um eine Vakuumkammer in einer der Studiokuppeln. Das bedeutete leider keineswegs, daß mir nichts zustoßen konnte. O nein! Ganz im Gegenteil, diese Szene sollte wahrscheinlich als warnendes Beispiel für alle rebellischen Einheiten dienen und den Gebietern die beruhigende Gewißheit vermitteln, daß wir Unbelehrbaren am Ende unsere verdiente Strafe erhalten. Womöglich hatte die Farce bereits vor meiner Flucht aus den Stallungen ihren Anfang genommen. Oder mit dem Tag, an dem ich im Wohnzimmer der Lockes zu mir kam! Natürlich. Das war es. Und jetzt war das Publikum meiner überdrüssig, also hatte man beschlossen, sich von mir zu trennen, und meine Termination auf dem Bildschirm war eine spektakuläre Schlußfanfare für eine Langzeitserie, die seit neuestem sinkende Einschaltquoten aufwies.
Dann erspähte ich eine der Schiffstoiletten, die sich gemächlich um die eigene Achse drehte und langsam näher kam. Sie war intakt, nur an der Ober- und Unterseite ragten die verdrehten Stümpfe der Verankerungen heraus. Im Vorbeischweben bekam ich den Türgriff zu fassen und schöpfte neuen Mut, denn ich ging davon aus, daß die Szene so im Drehbuch stand, man also doch noch Verwendung für mich hatte. Meine Rolle, wie ich sie interpretierte, sah vor, daß ich in der Kabine Zuflucht suchte und den Studiokreuzer abwartete, der kommen würde, um mich zu retten. Vorausgesetzt, mir wurde nicht schlecht von den vielen Purzelbäumen und ich erstickte an meinem eigenen Erbrochenen, konnte mir nichts mehr passieren. Doch welch böse Überraschung war das?! Als die Tür aufschwang, merkte ich, daß die Toilette bereits besetzt war. Ein weiterer Überlebender, der wie ich in einem
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