Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis
in erster Linie die politischen Reformen. Für die Journalisten begann die unglaublichste und glücklichste Zeit – die Zeit der Glasnost .
Nicht weniger unglaublich war diese Zeit aber für Menschen mit Unternehmergeist, von denen es in einer Sowjetunion ohne Markt (wenn auch mit gewissen marktähnlichen Zügen in der Schattenwirtschaft) gar nicht so wenige gab. Sie fingen an, genau das zu tun, worauf ich, ganz im Bann der stürmischen politischen Entwicklungen, praktisch überhaupt nicht achtete. Sie fingen an, Geld zu machen.
Chodorkowskis Leben begann sich ab dem 13. März 1987 zu ändern, als eine Verordnung von Regierung und Komsomol unterzeichnet wurde, die vorsah, bei den Stadtbezirksausschüssen des Komsomol ein »einheitliches landesweites System für junge Forschung und Technik« aufzubauen – die NTTM -Zentren. Ich habe mehrfach gelesen, dass der Transfer von Buchgeld in Bargeld eine Erfindung Chodorkowskis sei. Das dürfte kaum stimmen. Die Idee lag einfach auf der Hand, aber es gab keinen legalen Weg, sie zu realisieren.
Der Clou bestand darin, dass staatliche Unternehmen über bargeldlose Mittel, Budgets für ihre Tätigkeit im Rahmen von Leistungsverträgen verfügten. Wurde ein Budget nicht ausgeschöpft, wurde es im Folgejahr gekürzt. Diese Geldmittel konnten nicht akkumuliert werden, deshalb wurden sie ziemlich oft völlig irrational ausgegeben – Hauptsache, alles wurde verbraucht, damit man im kommenden Jahr genauso viel bekam. Gleichzeitig waren die Lohn- und Gehaltsfonds in den Unternehmen normiert, sodass man nicht einfach Leute anstellen konnte, die gegen ein unbegrenztes Gehalt Aufträge für die Unternehmen ausführen sollten. Andererseits wollten auch die Auftragnehmer nicht für ein paar Kopeken arbeiten. Zudem gab es in der UdSSR auch keinerlei Unternehmenseinheiten, keine Subjekte, mit denen man einen Vertrag hätte schließen können. Und da kamen auf einmal die NTTM s ins Spiel, eine völlig legale Struktur, auf die die staatlichen Richtsätze für die Vergütung von Arbeit nicht anwendbar waren – gezahlt wurde, so viel man wollte.
Die NTTM -Zentren wurden im Grunde zu einer Pumpe, mit deren Hilfe Buchgeld, das als tote Fracht auf den Konten der Unternehmen lagerte, in bares, lebendiges Geld »umgepumpt« werden konnte, mit dem sich Gehälter zahlen ließen, für das man etwas kaufen und das man weiter investieren konnte. Ein Schema konnte etwa folgendermaßen aussehen: Es gab einen Auftraggeber, zum Beispiel ein Werk, das eine technische Verbesserung benötigte oder auch nicht, das aber die ihm dafür zur Verfügung gestellten Mittel ausschöpfen musste. Und es gab einen Ausführenden, zum Beispiel ein Konstruktionsbüro, das imstande war, den Auftrag auszuführen, also, sagen wir, dem Werk ein eigenes »Modernisierungsprojekt« oder »Modernisierungsprogramm« anzubieten und dort auch umzusetzen. Und es gab die NTTM -Zentren, über die Auftraggeber nun Leistungsverträge mit den Ausführenden schließen und diesen dafür eine bestimmte angemessene Summe zahlen konnten. So war das für den Ausführenden lukrativ: Der erhielt nun keine Kopeken mehr, sondern anständiges Geld. Lukrativ war das aber auch für den Auftraggeber, weil dieser nun die vorhandenen Mittel verwerten und vom Staat neue Mittel erhalten konnte. Lukrativ war das schließlich auch für die NTTM -Zentren, die für die Vermittlung ihren Anteil einbehalten konnten: etwa 50 Prozent.
Michail Chodorkowski: »Der Mythos von meinen ›Beziehungen‹ während der Perestroika hält sich allzu hartnäckig, um ernsthaft dagegen anzugehen. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben: Mein Amt eines stellvertretenden Sekretärs des Komsomolausschusses am Mendelejew-Institut passt in keiner Weise zu dieser Legende. Dem Status nach entsprach es einem stellvertretenden Fakultätsdekan. Als ich 1987 den Beschluss fasste, zum NTTM zu gehen, stand die Position des Leiters eines solchen Zentrums überhaupt nicht hoch im Kurs. Die Stelle hatte mir ein Bekannter angeboten, der zum Sekretär des Komsomol-Stadtbezirksausschusses ernannt worden war. Er wurde später übrigens, nach Auflösung des Komsomol, einer meiner Stellvertreter. Alle sonstigen Verbindungen und Kontakte entstanden durchaus nicht wegen irgendwelcher ›verwandtschaftlicher‹ Beziehungen, sondern einzig und allein, weil es damals nur sehr wenige gab, die sich so schnell an die neue Situation angepasst hatten, was dazu führte, dass man sich für meine Person
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