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Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Titel: Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Michail Chodorkowski
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hatten. Mancher kaufte sich ein Häuschen irgendwo im Ausland und emigrierte, andere kauften eine Wohnung, eine Datscha und ein Auto – die klassische Traumtriade jedes sowjetischen Menschen – und fingen etwas anderes an, wieder andere wurden Rentiers. Viele meiner Bekannten, die diesen Lauf durch die Kooperativen absolviert hatten, sagten mir, sie hätten eine lockere Einstellung zu diesem Geld gehabt, es sei »einfach so vom Himmel gefallen«. Meiner Ansicht nach glaubten die Leute nicht wirklich, dass all dem nicht doch irgendwann ein Ende gesetzt würde, und so spielten sie einfach das Spiel dieses vorübergehend erlaubten Quasi-Marktes. Sie wollten schnell Geld verdienen und damit verschwinden. Um nichts zu riskieren. Zu Chodorkowskis erstem festen Team, das sich zu dieser Zeit herausgebildet hatte, gehörten mehr Leute als Newslin, Brudno und Dubow, die heute auf der Fahndungsliste von Interpol stehen. Wie wurde da gesiebt? Warum blieben aus dieser Phase gerade diese drei, denen sich wenig später noch drei weitere anschlossen, nämlich Lebedew, Schachnowski und Golubowitsch? Wie es aussieht, hing alles davon ab, wie die einzelnen Mitglieder in diesem größeren Team Chodorkowskis eine bestimmte Frage beantworteten, nämlich: »Welche Strecke wollen wir laufen?« Das heißt, wann sollen wir anfangen, das verdiente Geld zu teilen? Chodorkowski lief Langstrecke. Man konnte nur entweder mit ihm laufen oder sein Geld nehmen und gehen.
    Michail Brudno: »Wir haben nie viel vom Geschäft für uns abgezweigt. Gerade die Kooperative und Menatep verdienten ja für die damalige Zeit ein Wahnsinnsgeld, und wir bekamen bei der Kooperative ein Gehalt von 500 Rubel. Das Geld wurde ständig reinvestiert. Das war immer so.«
    Der Umsatz der Kooperative Nigma betrug rund zwölf Millionen Rubel. Mit welchen Beträgen die Kooperativen damals operierten, wurde mir persönlich erst klar, als einer der ersten Genossenschaftler, Artjom Tarassow von der Kooperative Technika, irgendwann Anfang 1989 ein offizielles Monatsgehalt von drei Millionen Rubel erhielt und einen ganzen Sack Geld anschleppte, um seine Steuern zu bezahlen. Obwohl sich unsere Gehälter überhaupt nicht vergleichen ließen, fand ich diese Ehrlichkeit unglaublich erheiternd. Ich erinnere mich, wie wir in der Redaktion der Moskowskie nowosti herumfantasierten, wofür wir so einen Haufen Geld ausgeben würden. Die Beamten im Staatsdienst mit ihrem nach wie vor sowjetischen Verstand – alles Leute, die im System der »Gleichmacherei« 54 groß geworden waren und zudem in dieser schwierigen Zeit kaum über die Runden kamen – fanden es überhaupt nicht lustig, als Tarassows Stellvertreter in der Kooperative 90000 Rubel Parteibeiträge zahlte. Die Kooperativen wurden übrigens nach Tarassows Démarche mit hohen Steuern belegt und mit Vorschriften bedrängt und so praktisch zurück in den Stall der Staatsunternehmen getrieben.
    70 Milliarden Rubel – das war, nach offiziellen Angaben, der Gesamterlös der Kooperativen im Jahr 1990. Das waren 8,7 Prozent des Nationaleinkommens. Die Jungs konnten sich austoben.
    Leonid Newslin: »Irgendwann mussten wir überlegen, was wir weiter machen wollten. Es ging darum, wie der erwirtschaftete Profit angelegt werden sollte: Sollten wir ihn in verschiedene Taschen stecken und uns mit anderen Dingen befassen, oder ihn doch in eine gemeinsame Sache investieren? Mischa fand, die nächste Etappe wäre eine Bank. Brudno, Dubow und ich beschlossen also, da wir Mischa vertrauten, unser Geld, das bei der Kooperative und im Zentrum verblieben war, in die Gründung einer Bank zu stecken. Gerade war die erste Verordnung über die Gründung privater Geschäftsbanken herausgekommen. Doch es gab auch Leute, die eine andere Vorstellung von der Zukunft hatten. Wenn viel Geld da ist, sind die Leute schnell zufrieden, sie wollen das Geld nehmen und einfach weiterleben. Eines schönen Tages brachten wir alle aktiven Mitglieder zusammen. Wir setzten uns ins Restaurant Minsk auf der Twerskaja-Straße, das Essen wurde serviert, und Chodorkowski brachte diese Frage auf die Tagesordnung: Wo wollen wir weiter hin? Jeder sollte für sich entscheiden. Wir wollten seinen Weg weitergehen, uns beim Geld beschränken, uns unseren Anteil am Gewinn nicht auszahlen lassen, sondern das Geld wieder investieren. Wenn ich mich nicht irre, mussten wir zunächst 25 Prozent und bis zum Ende des Jahres 100 Prozent des Grundkapitals der Bank aufbringen. Manche wollten

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