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Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Titel: Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Michail Chodorkowski
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Vertrags- und Kommunikationsangelegenheiten, was mir durchaus lag. Dann holte er mich näher zu sich heran … Mir scheint, für Mischa war besonders wichtig … Erstens habe ich an meinem Platz objektiv gut gearbeitet. Zweitens war ich ihm gegenüber äußerst loyal. Das Kollektiv dort war, wie jedes andere auch, nicht frei von Intrigen. Es gab dort eine Gruppe, die die Entwicklung des Zentrums anders sah. Mischa wollte mehr in Richtung Produktion und Finanzierung gehen. Mir gefiel er besser als die anderen, er war überzeugender für mich, ich habe ihn immer unterstützt. Schließlich wurde ich sein Stellvertreter, später sein erster Stellvertreter. Ich denke, dass er mir in dieser Phase schon vertraute, ich arbeitete gut und war ihm gegenüber loyal. Und er sah Entwicklungspotenzial bei mir. Das ist auch wichtig. Er schaut die ganze Zeit, ob jemand Potenzial hat und wie weit es reicht.«
    Damit dieses komsomolnahe Geschäft gut funktionieren konnte, brauchte man viele Aufträge. Chodorkowskis Zentrum etwa arbeitete aktiv mit dem Staatlichen Komitee für Wissenschaft und Technik und mit der Verteidigungsindustrie zusammen. Dort musste man aber erst einmal irgendwie »reinkommen«. Sie kamen deshalb rein, weil der Frunsenski-Bezirksausschuss, wo Chodorkowski gearbeitet hatte, in einem der zentralen Viertel von Moskau lag, wo viele staatliche Einrichtungen, Institute und Unternehmen konzentriert waren, und natürlich auch, weil die Parteiorganisationen untereinander verbunden waren. Chodorkowski war ein Teil dieses Parteisystems, deshalb konnte er verschiedenste Organisationen direkt ansprechen und eine Zusammenarbeit mit ihnen beginnen. Beziehungen wurden in Projekte, Verträge und Geld umgemünzt. Newslin behauptet, »an dieser Stelle« habe es »null Korruption« gegeben, »das war einfach nur die Umwandlung von Energie, von Beziehungen und Möglichkeiten, von Mischas Ideen in Entwicklung, in Entropie. Damals hat keiner etwas in die Tasche gesteckt oder ausgeteilt. Jedenfalls nicht da, wo wir arbeiteten.« Eine gute Referenz, ein gutes Entrée waren viel wichtiger – ob man bestimmten Chefs gefiel oder nicht. Chodorkowski verstand es, gute Referenzen zu bekommen. Für die ältere Generation war er ein junger Mann »aus ihren Reihen«, noch dazu einer mit Zukunft. Das Zentrum bekam viel Lob, beim Ministerrat hatte er einen Stein im Brett, der Apparat unter Gorbatschow förderte ihn. An seinem Beispiel ließ sich zeigen, wie gut die Reformen funktionierten. Wer so aussichtsreichen jungen Menschen half, musste sich dafür nicht schämen. Also half man ihm.
    In Russland geschah damals Unglaubliches. Westliche Radiosender wurden nicht mehr gestört, früher verbotene Bücher konnten auf einmal erscheinen (Wassili Grossman, Anatoli Rybakow, Boris Pasternak, erstmals veröffentlicht wurde auch Bulgakows Hundeherz ). Nach den Zeitungen und Zeitschriften »befreite sich« auch das Fernsehen: Die ersten unabhängigen Fernsehproduzenten traten auf den Plan, fast alles wurde live gesendet, Jugendprogramme behandelten in ihren Sendungen nun all das, worüber man früher nur im Flüsterton in der Küche geredet hatte; gesendet wurde jetzt auch nachts, und es gab Fernsehbrücken nach Amerika. Das Fernsehpublikum in der UdSSR war riesig. Menschen, die ihr Leben lang hinter dem Eisernen Vorhang verbracht hatten, verschluckten sich beinahe an so viel Freiheit. Der Film Assa erschien, und plötzlich fand eine junge Rockmusik, eine gänzlich andere Jugendkultur mit seltsamen Liedtexten, mit ungewöhnlichen Bildern und einem anderen Klang ihren Weg auf die Leinwand. All das stand in diametralem Gegensatz zur offiziellen sozialistischen Kultur. »Wir wollen Veränderungen!« sang der Rockmusiker Wiktor Zoi in Assa , und es klang wie ein Vorzeichen, wie eine Hymne auf die Zukunft. Die Geschichte wurde von einer Generation gestürmt, die zu dieser Zeit 25 bis 28 Jahre alt war.
    Im selben Jahr machte der wichtigste Moskauer Parteichef und Kandidat für das Politbüro, Boris Jelzin, auf sich aufmerksam. Er tat etwas, das im Parteimilieu unüblich war: Er kritisierte Gorbatschow und sein Umfeld offen für ihren Konservatismus und die zögerliche Reformpolitik. Jelzin verlor sein Amt in Moskau und seinen Kandidatenstatus für das Politbüro. Damit begann sein Weg als »Parteidissident«, der ihn schließlich in direkte Opposition zu Gorbatschow brachte. Danach folgten der Parteiaustritt und die triumphale Machtübernahme nach dem

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