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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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nicht. Mir lag nicht daran, Carter herauszufordern; vielmehr wollte ich den Streit beilegen. Ich wollte freie Hand für Moskau haben und auch für den Rest des Jahres 1980 sicher sein, vom Weißen Haus nicht weiterhin in unbilliger Weise behindert zu werden. Ich wollte auf der Konsequenz und Zuverlässigkeit meiner Linie beharren. Am wichtigsten war mir, auf amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen über eine Begrenzung der eurostrategischen Mittelstreckenwaffen zu bestehen. Mit diesen Gedanken fuhr ich an jenem schönen Vorabend der Mittsommernacht, begleitet von Außenminister Genscher und meinem außenpolitischen Mitarbeiter Botschafter Berndt von Staden, zum amerikanischen Präsidenten, der von seinem neuen Außenminister Edmund Muskie und seinem Sicherheitsberater Brzezinski begleitet wurde.
    Vermutlich hatte keiner der Anwesenden eine Vorstellung davon, daß ich mir nach der Demütigung vom 12. Juni eine ungewöhnliche Härte vorgenommen hatte. Das Gespräch begann mit dem Thema Afghanistan; Carter stellte eine Reihe von Fragen und erkundigte sich nach meiner Unterrichtung durch Giscard d’Estaing über dessen kürzliches Treffen mit Breschnew in Warschau (natürlich hatte Giscard auch den amerikanischen Präsidenten direkt unterrichtet). Im Laufe dieses Gesprächs über die westliche Haltung zur Sowjetunion ging ich auf den Brief Carters vom
12. Juni ein und wies die darin aufgestellten Behauptungen vehement und sehr ausführlich zurück: »Dieser Brief ist inzwischen leider ein wichtiger Gegenstand des Bundestagswahlkampfes geworden; Tatsache ist, daß er schon am Tage der Absendung in Washington an die Presse gegeben wurde. Dieser Vorgang kommt einer Beleidigung nahe …«
    Carter: »Dem kann ich nicht beipflichten.«
    Schmidt: »Es gibt bisher keinerlei Entscheidung, zu der wir Deutschen uns verpflichtet haben und die wir dann nicht ausgeführt hätten. Es besteht also kein Anlaß für Sie anzunehmen, daß wir unsere Zusagen künftig nicht einhalten und …«
    Carter: »Das nehmen wir auch nicht an!«
    Schmidt: »Sie haben sich in Ihrem Brief auf irreführende Presseberichte bezogen, obwohl Sie doch den tatsächlichen Text meiner Rede schon in Händen hatten. Weder Verteidigungsminister Brown, der mich kürzlich besucht hat, noch Ihr Botschafter Stoessel haben zu dieser Rede Fragen gestellt; auch unserem Botschafter in Washington sind keine Fragen gestellt worden. Ich könnte es durchaus verstehen, wenn einmal Zweifel an einem Text auftreten, dann kann man aber nachfragen. Das ist nicht geschehen. Der indiskrete Umgang mit Ihrem ungerechtfertigten Brief hat erhebliches Aufsehen verursacht. Demgegenüber habe ich mich sehr zurückgehalten. Wenn ich meinerseits genauso indiskret vorgehen würde, so hätte das gewiß erhebliche Rückwirkungen in Ihrem Lande.
    Ich darf Sie daran erinnern, daß ich Ihnen im März mitgeteilt habe, ich würde einer deutschen Teilnahme an den Olympischen Spielen entgegenwirken. Ich habe mich daran gehalten und unter großen innenpolitischen Kosten Ihre Empfehlung durchgesetzt; jetzt aber bin ich damit in Westeuropa nahezu isoliert.
    Ebenso stehe ich in Westeuropa hinsichtlich des INF-Problems nahezu allein, weil ich mich an unsere Zusage halte. Vielleicht darf ich Sie in diesem Zusammenhang auch an die Entstehungsgeschichte des Cruise-Missiles-Protokolls zu SALT II und an die Entstehungsgeschichte des INF-Beschlusses von Guadeloupe und Brüssel erinnern. Als ich Sie zum ersten Mal auf dieses Problem aufmerksam machte, hat man mir bedeutet, ich möge schweigen,
weil dies nicht Deutschland, sondern die USA angehe. Erst später, im Herbst 1977, bin ich an die Öffentlichkeit gegangen; das hat Sie dann zur Entscheidung von Guadeloupe und schließlich uns alle zum NATO-Beschluß gebracht. Ich bin mit diesem Beschluß politisch verheiratet, ich werde ihn nicht aufgeben und auch meine Meinung nicht ändern.«
    An dieser Stelle erinnerte ich Carter auch an die Affäre mit den Neutronenwaffen (ERW); auch in diesem Falle hätte ich meine Meinung nicht geändert, und er hätte darauf bauen können. Statt dessen habe er selber seine Meinung geändert, auf die ich gebaut hätte. »Wir haben unser Wort immer gehalten; wegen des INF-Beschlusses habe ich im letzten Dezember auf dem Parteitag der SPD sogar meine politische Existenz aufs Spiel gesetzt. Wenn danach irgend jemand denkt, daß ich mein Wort nicht halte, so fühle ich mich dadurch beleidigt.«
    Carter: »Ich habe solchen Verdacht

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