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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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innenpolitisches Prestige. Und um seines Prestiges willen sollten Giscard und ich das unsere opfern – und der deutsche Bundeskanzler sollte einer aussichtslosen Operation wegen auch noch vitale Interessen seiner Landsleute östlich der Grenze der Bundesrepublik gefährden. Ich beschloß, keine weiteren Zugeständnisse mehr zu machen, und lehnte sowohl die verlangten Handelseinschränkungen gegenüber der Sowjetunion ab als auch die Idee alternativer westlicher Sommerspiele.
    Zu Palästina sagte Carter, er rechne damit, sich etwa im Mai wieder einschalten zu müssen; dabei könne es zu unangenehmen Auseinandersetzungen mit Israel kommen, denn in der Sache seien die USA der ägyptischen Position näher als der israelischen. Wenige Monate später wurde der Welt deutlich, daß Begin sich in der Palästinafrage vollständig durchgesetzt hatte, wie unangenehm auch immer seine Verhandlungen mit Carter gewesen sein mögen. Vom Sommer 1980 an setzte Begin auf eine Wahlniederlage Carters.
    Bevor wir uns dem geselligen Teil meines Besuches zuwandten, unterrichtete ich den Präsidenten von meiner Absicht, Breschnew zu besuchen; der Termin liege allerdings noch nicht fest. Carter verzichtete auf einen Kommentar. Später hat er sich meinem Besuch in Moskau jedoch vehement widersetzt; er hat trotzdem
stattgefunden. Am Ende der Verhandlungen zwischen Carter und mir sorgten wir gemeinsam für ein Kommuniqué, daß zwar zwischen den Zeilen Meinungsverschiedenheiten ahnen ließ, diese aber nicht aufdeckte, sondern nach Möglichkeit kaschierte. Ich verließ Washington in dem bedrückenden Bewußtsein, daß die westliche Führungsspitze sich ihres eigenen Kurses nicht sicher war, ihn vielmehr von Tag zu Tag neu bestimmte, und daß man sich deshalb auf die Stetigkeit dieses Kurses nicht verlassen konnte. Bei mehreren öffentlichen Auftritten und gegenüber den Medien gab ich mir jedoch große Mühe, keinen Zweifel an der prinzipiellen deutschen Bündnistreue aufkommen zu lassen. Aber ich machte auch keinen Hehl aus unserer engen Allianz mit Frankreich.
    Sowohl die amerikanischen als auch die deutschen Medien haben am 6. und 7. März recht einheitlich berichtet und kommentiert. Im Osten war die Reaktion unsicher: TASS redete von deutscher Unterwerfung, Radio Moskau und die polnischen Medien dagegen meinten, Schmidt habe sich amerikanischem Druck widersetzt. Meine eigene Bewertung fand ich in der Londoner »Financial Times« ausgedrückt: »Der Wert von Schmidts Reise nach Washington besteht darin, das Verständnis der USA dafür gesteigert zu haben, daß die Verbündeten unterschiedliche Interessen und Verbindungen mit den Russen haben und daß dies dazu führt, daß mit unterschiedlichem Nachdruck reagiert wird.« Die Kopenhagener »Politiken« traf den Nagel auf den Kopf: »Ungeachtet aller Zugeständnisse ist es für die westlichen Verbündeten schwer und streckenweise unmöglich gewesen, Klarheit darüber zu erhalten, was man in Washington beschlossen hatte … und wieweit die erbetene Unterstützung durch Bonn und andere schließlich gehen sollte … Wenn Präsident Jimmy Carter glaubte, Bundeskanzler Helmut Schmidt von seinen Fähigkeiten zu überzeugen, eine durchdachte Außenpolitik aufrechterhalten zu können, so darf man sagen, er hatte ausgesprochenes Pech.«
    Franz Josef Strauß, der im Herbst 1980 als Kanzlerkandidat der CDU/CSU gegen mich antreten sollte, teilte im Grunde mein Urteil; auch er wollte gegenüber Moskau Handelsvertragstreue, keine Überreaktion und eine Beteiligung am Olympiaboykott erst nach
einer Bedenkpause. Strauß besuchte Carter kurz nach mir; falls er in Washington wesentlich von meiner Linie abgewichen wäre, hätte Brzezinski dies gewiß die Medien wissen lassen. Aber Strauß verhielt sich – vielleicht zur Enttäuschung einiger – staatsmännisch und wahrte unsere Interessen.
    Acht Wochen später, am 7. Mai, traf ich Premierministerin Thatcher in London. Mit Genugtuung hörte ich aus ihrem Munde Urteile über die amerikanische Außenpolitik, die den unsrigen entsprachen: In Washington fehle der Überblick über den Zusammenhang zwischen Afghanistankrise, Irankrise und Nahostkonflikt. Was den letzten Punkt anlange, so werde sich die proisraelische Haltung Washingtons bis zu den amerikanischen Wahlen im November noch verstärken. Sollten die neun Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einen Entschließungsantrag zum Nahostkonflikt einbringen, würden

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