Miteinander reden 2: Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung; Differentielle Psychologie der Kommunikation (German Edition)
schlägt dies der Nähe-Partner vor, und fast immer lehnt es der Distanz-Partner ab:
«Nach wie vor wäre mein sehnlichster Wunsch, daß ich mit meiner Freundin zusammen eine Paarberatung mache, weil ich denke, hier sind Mechanismen am Laufen, die müssen nicht die Herrschaft über das Wohl und Weh unserer Beziehung gewinnen.»
«Darüber reden» ist für den Distanz-Partner noch aus anderen Gründen unangenehm. Dann müsste er Auskunft geben über sich selbst: Aber was geht in ihm vor? Er weiß es ja teilweise selbst nicht. Das, was er spürt, wird den anderen doch nur «unnötig» verletzen, enttäuschen, vor den Kopf stoßen!? Vielleicht würde dieser sogar Schluss machen – und das möchte er doch auch wieder nicht! Oder doch? Oje, derlei Gefühlsdinge sind einfach zu schwierig! Ist er vielleicht tatsächlich «beziehungsunfähig», wie der Partner ihm schon mehrfach vorgeworfen hat? Wird ein Gespräch, womöglich noch in einer Beratungsstelle, nicht «Abgründe» zutage fördern? Grund genug, auf den Vorschlag, wieder einmal alles «großartig zu klären», mit angewiderter Verdrossenheit, aber auch schuldbewusster Ratlosigkeit zu reagieren. Das folgende Zitat gibt einen hervorragenden Einblick in die Gefühlswelt eines Distanz-Partners:
«Ich merkte, ich orientiere mich sehr nach außen, ich hatte eine Menge damit zu tun, meine Kontakte zu alten Freunden und Bekannten aufrechtzuerhalten, und ich habe auch ansonsten viel gemacht. Das hatte die Konsequenz, daß Frauke und ich oftmals sehr wenig zusammen gemacht haben, mir war eigentlich gar nicht so danach … Es kam dann zunehmend häufiger zu Auseinandersetzungen nach dem Motto: ‹Ich renn dir eigentlich immer hinterher, biete mich an, … und du reagierst gar nicht darauf, für dich zählen doch nur die anderen Leute! Von dir aus kommst du ja nie, um auch mal was mit mir zusammen zu machen!› (…)
Da war jemand, der wirft dir vor und zählt auf, was du alles falsch machst und was du alles nicht tust. Ich hatte immer das Gefühl, ich muß das alles schlucken und kam aus meinen Schuldgefühlen nicht heraus, konnte mich nicht wehren: … Wenn jemand so in seiner emotionalen Art und mit seinem ganzen Ärger die ganze Zeit auf dir herumtrampelt und herumhämmert, hatte ich einfach nur die Möglichkeit, klein zu werden. Im Grund genommen hat das mein Selbstwertgefühl ziemlich angenagt. Ich bin jemand, dem es schwerfällt, Emotionen rauszulassen, ärgerlich zu sein, wenn er ärgerlich ist, mal zu schreien, wenn er sich verletzt fühlt, und das alles konnte Frauke eigentlich sehr gut. Ich habe da auch regelmäßig so eine Leere im Kopf gehabt, … mir fiel nichts ein, sondern ich konnte immer nur denken: Sie hat ja recht, sie hat ja recht: Und wurde mit jedem ‹sie hat ja recht› noch buckliger und kleiner … Ich konnte einfach nicht begründen, warum ich diesen Freiraum brauche …
Es gab sicherlich Phasen, wo ich ihr ehrlicherweise hätte sagen müssen: Mensch, ich weiß eigentlich im Augenblick gar nicht, was mir an dir liegt! Aber das hätte ich nie gewagt, das wäre mir nie über die Lippen gekommen. Und dann war da auch nichts anderes, was ich ihr zu meiner Rechtfertigung hätte anbieten können. (…)
Ich habe (die abwehrende Rolle) in dem Sinn als Stärke empfunden: Ja, mir kann keiner oder sie kann mir nichts! Aber ich habe das gleichzeitig auch als kränkend empfunden, weil Frauke damals zu mir gesagt hat: ‹Du machst es falsch, weil du so bist!› Da ich mich nicht zu einem beziehungsunfähigen Mann abstempeln lassen wollte, habe ich darunter auch teilweise gelitten. (…) Ihre eskalierenden Ausbrüche haben mich dann ab und zu nochmal dazu hingerissen, einen Teller zu zerschmettern, was ich als unheimlich wohltuend und mutig empfand, … das hat mich angestachelt, auch ein bißchen zu meiner hilflosen Wut zu stehen. Ich habe manchmal das Gefühl gehabt, sie hat mir das Leben zur Hölle gemacht.»
Seinen Gefühlen und Bedürfnissen entsprechend verhält sich der Distanz-Partner in der Weise, die wir auf S.242 – in den Kreislauf einsteigend – beschrieben haben. Nebenstehend sieht man den typischen Nähe-Distanz-Teufelskreis in seiner Grundform auf einen Blick.
Dieser «Standard-Teufelskreis» wird bei jedem Paar etwas anders aussehen; das Grundmuster erlaubt, auch die Abweichungen zu erkennen. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass der Distanz-Partner sich seine Nähe-Wünsche in einer Nebenbeziehung erfüllt, in der vielleicht die
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