Miteinander reden 2: Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung; Differentielle Psychologie der Kommunikation (German Edition)
beschleunigen – sosehr Sie sich auch manchmal wünschen mögen, dass er doch etwas selbstständiger sei, weniger auf Sie angewiesen und überhaupt den Radius seiner eigenständigen Aktivitäten erweitern möchte. Hier lauert eine gefährliche Falle für Sie beide: Je mehr Sie Ihrem Partner nahelegen, «werde doch mal etwas selbständiger!», besteht die Gefahr, dass er in eine verheerende Doppelbindung gerät: Je mehr er versucht, es Ihnen recht zu machen und sich auf selbständige Aktivitäten verlegt, desto stärker begibt er sich in Unselbständigkeit und Abhängigkeit, denn Ihnen zuliebe ist er folgsam! Reagiert er aber «eigenständig» und verweigert sich diesen gut gemeinten Ratschlägen, dann bleibt er paradoxerweise unselbständig – ein schwer auflösbares Dilemma, in das schon manches Ehepaar hineingeraten ist.
Auch für Sie gilt also, dass Sie die Entwicklung nur für sich selbst vollziehen können. Welche Richtungen sind für Sie angezeigt? Davon handelt das folgende Kapitel.
7.3.
Richtungen der Persönlichkeitsentwicklung
Klarheit der Rollenbeziehung und authentische Begegnung von Mensch zu Mensch. Besonders in der Berufs- und Geschäftswelt erweist sich die Fähigkeit, zwischenmenschliche Distanz zu wahren, als Vorteil. Jede Art von Distanzlosigkeit und schneller Verbrüderung liegt dem sich Distanzierenden fern, und das bewahrt ihn davor, in zwischenmenschliche Verwicklungen hineinzugeraten, unter denen die Klarheit unterschiedlicher Interessen leicht vernebelt wird. Passiert es allerdings doch einmal, dass er sich – an einer seiner empfindlichen Stellen getroffen – gefühlsmäßig verstrickt, kann er unberechenbar werden; ungeübt, mit Gefühlen umzugehen, reagiert er übermäßig verletzt, hochgradig defensiv oder aggressiv und manchmal geradezu «kindisch». In der Regel aber steht er «über diesen Dingen» und bewahrt auch in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf. In der Rolle eines Vorgesetzten ist er in Gefahr, eine Hierarchen-Mentalität der Unnahbarkeit zu pflegen; andererseits hat er den Vorteil, nicht so leicht an der Einsamkeit der «Höhenluft» zu leiden, die dazu verführt, die Vorgesetzten-Rolle herunterzuspielen und dadurch Diffusität in der Rollenbeziehung zu erzeugen. Von der Humanistischen Psychologie herkommend, die in ihren Werten «Partnerschaftlichkeit», «Kooperation» und «authentische Begegnung von Mensch zu Mensch» betont, mussten wir mit der Zeit lernen, dass unter dieser Flagge manch Vorgesetzter sich davor drückte, zu seiner Rolle zu stehen und klare Entscheidungen zu verantworten (Hager, 1984). Vielleicht wären wir weniger missverstanden worden, wenn wir die hier diskutierten Werte von vornherein in einer dialektischen Struktur gesehen und vermittelt hätten:
Die Betonung des partnerschaftlichen Miteinanders kann in hierarchischen Kontexten nur dann von Wert sein, wenn sie gepaart ist mit dem Bewusstsein, dass die Rollenbeziehung nicht symmetrisch, sondern komplementär angelegt ist und dem Vorgesetzten andere Verantwortungen auferlegt als dem Mitarbeiter. Der Distanzierte tut sich in dieser Hinsicht weniger schwer als der «Nähe-Mensch», denn er lebt nicht unter dem Druck, es allen recht machen zu müssen; er kann in entscheidenden Momenten «Nein» sagen und der Versuchung widerstehen, um der kollegialen Harmonie willen von der eigenen Position abzurücken und vorschnelle Zugeständnisse zu machen, um den anderen ja nicht weh zu tun. Ob diese Konflikt- und Entscheidungsfähigkeit sich wirklich als Wert erweist, darüber entscheidet natürlich – wie bei allen menschlichen Dispositionen – der soziale Kontext. Die Fähigkeit aber, gegebenenfalls so reagieren zu können , gehört zum Grundbestand der sozialen Kompetenz und ist für den «Nähe-Menschen», bei dem etwa die bedürftig-abhängige und/oder die selbst-lose Strömung dominiert, erst noch mühsam zu erwerben.
Dies alles muss unterstrichen und gewürdigt werden, bevor wir berechtigt und verpflichtet sind, dem Distanzierten ein allmähliches Heraustreten aus dem Ghetto der Unnahbarkeit zu empfehlen. Nicht immer ist er darin gefangen, denn die Rolle sichert ihm den Abstand, der es ihm erlaubt, auf Menschen zuzugehen und sich mit ihnen abzugeben.
Unbefangene Kontaktbereitschaft und reservierte Zurückhaltung. Der förmliche Abstand und die steifen, gezwungenen Umgangsformen im Berufsleben haben sich in den letzten zwanzig Jahren erheblich gewandelt. «Schulz von Thun, du musst viel
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