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Monrepos oder die Kaelte der Macht

Monrepos oder die Kaelte der Macht

Titel: Monrepos oder die Kaelte der Macht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Manfred Zach
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Ordnen und Bewahren Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Zug zu historisierender Selbsteinschätzung war unverkennbar. Es drängte ihn, sich um die Nachwelt und um seinen Platz in ihr Gedanken zu machen. Kohl hätte vielleicht gesagt: um die Gechichte und um die Pflicht, in die man als Patriot gestellt ist. Ihm freilich genügte das nicht. Geschichte mußte von Zukunftsentwürfen flankiert werden, auch wenn sie nur das Interieur der Macht schmückten, in der er, der Minister- und Bundesratspräsident, der Stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende und Reservekanzler, der Wirtschaftsfachmann, Technologiepionier und Kunstmäzen, der schlaue Fuchs und alte Hase die Geschicke lenkte wie eine der Mosaikfiguren zu Fuße des Schlosses.
    Gundelach aber, der Adlat, hatte sich derweil in die Fiktion eines intellektuellen Neuerers hineingeschrieben, welcher die Welt durch Denken verändern will. Spechts Restauration des inneren und äußeren Machtgefüges war ihm glatt entgangen. Und wenn sich auch argumentieren ließ, daß es ein schwieriges Unterfangen ist, konservierende Tendenzen im Innern eines Mannes zu erkennen, dessen Ruf als Vordenker man nach außen gerade zu festigen bestrebt ist, so lag darin doch, wenn überhaupt, nur geringer Trost. Denn es bewies ja gerade, daß man sich so sehr mit einer Wunschvorstellung identifiziert hatte, daß einem die Wirklichkeit abhanden gekommen war.
    Hatte er, viele Jahre lag es zurück, diese Erfahrung nicht schon einmal machen müssen?
    Für kurze Zeit erwog er, enttäuscht, Monrepos den Rücken zu kehren. Der Schock, vielleicht auch nur die Ermüdung, saß tief. Henschkes Schritt, sich zu lösen, verlockte zur Nachahmung. Im Grunde war es das rationalste, von vielen geübte Verhalten: die Karriereleiter so weit wie möglich hinaufzuklettern und dann abzuspringen.
    Hätte er mit Heike darüber gesprochen, wäre das Ergebnis eindeutig gewesen. Sie hätte alles darangesetzt, ihm das Schloß, das ihr inzwischen verhaßt war wie nichts auf der Welt, endgültig zu verleiden. Schon sein Schwanken hätte sie beflügelt, den Neuanfang, den sie weitab vom Dunstkreis der Hauptstadt herbeisehnte, in den leuchtendsten Farben zu schildern. Und da Gundelach in der Zeit des Schreibens, die ihn oft früh nach Hause führte, seiner Frau in einer Art wortlosen Einverständnisses wieder nähergerückt war, hätte er ihrem Werben nur schwer widerstehen können – erst recht, wenn es durch Bennys offenen, den Vater nun nicht mehr scheuenden Blick unterstützt worden wäre.
    Doch Gundelach fürchtete sich ebensosehr vor einem Nachgeben, das ihn womöglich zeitlebens reuen würde, wie vor den schlimmen, verletzenden Folgen einer Standfestigkeit, die gerade erst geweckte Hoffnungen zerstören müßte.
    Darum verbarg er vor Heike seine Zerrissenheit.
    Statt dessen wandte er sich an seinen väterlichen Freund. Wrangel sagte: Du bist überarbeitet, das ist alles. Das Buch, die Regierungserklärung –.
    Ach, die –. Ist doch immer derselbe kalte Kaffee!
    Siehst du, wie überreizt du bist! Du mußt einfach mal wieder raus. Was anderes sehen als deinen Schreibtisch. Kannst du nicht den Oskar auf einer Reise begleiten? Falls er demnächst ins Ausland fahren sollte, meine ich?
    Der Oskar fährt pausenlos ins Ausland, sagte Gundelach und dachte daran, daß Specht in den letzten Monaten, während er am Buch geschrieben hatte, nach New York, Washington, Kansas City, Minneapolis, London, Moskau, Kiew, Oslo, Paris, Warschau und Los Angeles geflogen war. Jede Stadt, die ihm einfiel, machte ihn wütender.
    Und wenn ich richtig informiert bin, besucht er in Kürze Kanada und die Volksrepublik China. Aber ich wüßte nicht, daß meine Begleitung irgendwo vorgesehen ist. Es muß ja auch Grubenpferde geben, verstehst du? Wrangel schaute Gundelach verblüfft und besorgt an. Offenbar hatte ihn der letzte Satz überzeugt, daß Gundelachs Gemütszustand kritisch war.
    China? Warte mal. Ich habe da seit längerem eine Einladung von der Technischen Hochschule Kunming. Das ist die Hauptstadt der Provinz Yunnan im Südwesten Chinas. Es wäre kein Problem … so im Oktober, November … Was ist, Bernardo, fahren wir hin?
    Du ja, aber wieso ich?
    Laß das meine Sorge sein. Du bist Berater unserer Universität. Das kriegen wir hin.
    Gundelach blickte seinen weißhaarigen, schlitzäugigen Freund lange an. Er ist selbst ein Chinese, dachte er. Ein alter, weiser, verschlagener Chinese. Eine unbändige Lust überkam ihn, zusammen mit Wrangel

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