Monrepos oder die Kaelte der Macht
China zu entdecken. Aber nicht mit Tarnkappe und nicht als Sozius. Ganz offiziell will ich hin, als Vertreter des Landes. Das ist Specht mir schuldig!
Nein, Werner, das machen wir anders, sagte er. Du organisierst die Reise, okay. Und ich gehe zu Specht und lasse mich beauftragen, die Bedingungen für eine Hochschulpartnerschaft zwischen euch und – wie heißt die Stadt –
Kunming!
– und Kunming zu sondieren. Und dann führen wir offizielle Gespräche mit der Provinzregierung. Ich will doch sehen, ob Specht sich traut, mir das abzuschlagen! Was sagst du dazu?
Wrangel breitete die Arme aus.
Bernard, rief er, Mensch! Wenn das klappt! Ach was, es muß klappen! Notfalls rede ich selbst mit dem MP. Aber das wird nicht nötig sein, du schaffst es allein. Und dann – besuchen wir noch Kanton. Und Peking –.
Und Xian, sagte Gundelach. Ich will die Ausgrabungen der Tönernen Armee sehen.
Jawohl, auch Xian! wiederholte Wrangel begeistert. Wohin du willst. Siehst du, jetzt gefällst du mir wieder!
Und Zwiesel, dachte Gundelach, darf meine Reisegenehmigung unterschreiben. Will doch sehen, was er dabei für ein spitzes Mäulchen macht!
Ja, er wollte sehen, viel sehen. Monatelang hatte er sich hinter Büchern vergraben, während Oskar Specht die Welt durchpflügte; hatte seine Phantasie aufgeputscht, um eine griffige Vision der Informationsgesellschaft von morgen zu entwerfen, derweil Specht mit Aktienpaketen und Vizepräsidenten jonglierte; hatte die Abende, Wochenenden, Feier- und Ferientage im Zeilenkampf mit der Schreibmaschine zugebracht und sehnsüchtig der Stunde geharrt, da er den letzten Satz herauspressen, den Schlußpunkt setzen konnte.
Von alldem wußte Oskar Specht nichts, und es war sein gutes Recht. Sie hatten ein Geschäft vereinbart. Gundelach produzierte, Specht firmierte, der Verlag bezahlte. Aber jetzt war sein Teil erledigt, die Arbeit im Schacht war getan, und nun wollte er entdecken, erleben, um nicht blind und stumpfsinnig zu werden.
Bevor er jedoch seinen Wunsch äußern konnte, verschwand Specht in Urlaub. Das Manuskript nahm er mit.
Statt dessen kam der für die Buchreihe zuständige Spiegel-Redakteur, drückte ihm anerkennend die Hand und sagte: Das Buch ist gut, sehr gut sogar. Wir müssen aber auch noch einen passenden Titel finden.
Sie saßen in Wieners früherem Zimmer – inzwischen hatte es Schieborn bezogen –, tranken Kaffee und dachten nach.
Hat Herr Specht vielleicht schon einen Vorschlag gemacht? fragte der Redakteur.
Nein, sagte Gundelach schroff. Das überläßt er uns.
Schieborn räusperte sich belustigt.
Ich kenne den Inhalt zwar nicht, sagte er. Aber es geht ja wohl um neue Technologien. Wie wär’s mit ›Anschluß an die Zukunft‹?
Zu unpolitisch, sagte der Redakteur.
›Anschluß‹ hat auch was Unangenehmes, meinte Gundelach. Man fühlt sich als Objekt. Das Wort Versöhnungsgesellschaft sollte in der Headline vorkommen.
Wieder schüttelte der Redakteur den Kopf.
Das kauft dem Spiegel niemand ab, sagte er. Versöhnungsgesellschaft … ausgerechnet bei uns!
Aber im Text spielt sie eine zentrale Rolle, beharrte Gundelach.
Das ist was anderes. Ein Titel soll aufreißen, nicht einschläfern. Kann man nicht Helmut Kohl direkt angehen? ›Wo bleibt die Wende!‹ – oder so? Um Gottes willen! rief Schieborn. Mann, was haben Sie denn da geschrieben?
Was fragen Sie mich? bellte Gundelach zurück. Aber gegen ›Die Wende‹ hätte ich nichts …
Hätten wir alle wohl nicht, sagte der Redakteur und lächelte anzüglich. Wenn’s denn eine wäre, die diesen Namen verdient. Das ist übrigens eine gute Formulierung für den Klappentext.
›Programm einer Wende‹, schlug Gundelach vor. Wie finden Sie das?
Nicht schlecht, aber noch zu theoretisch. ›Programm für Deutschland‹, das schon eher.
Ist mir zu hoch gegriffen, entgegnete Gundelach. Das wird Herr Specht denn doch nicht für sich in Anspruch nehmen wollen.
Warum denn nicht? Na gut, er ist der Autor …
Schieborn schmunzelte in die Kaffeetasse hinein. ›Wende‹ ist sowieso ein problematischer Begriff, befand er nachdenklich. Wer sich umwendet, blickt ja zurück, normalerweise.
Das ist es! schrie der Redakteur. Genau! ›Wende nach vorn‹, so heißt das Buch. Da weiß jeder, wer und was gemeint ist. Das trifft’s.
Einverstanden, stimmte Gundelach zu. ›Wende nach vorn‹ klingt gut.
Das mit dem ›Programm für Deutschland‹ kommt aber trotzdem auf den Umschlag, sagte der Redakteur. Es gehört
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