Monrepos oder die Kaelte der Macht
einfach dazu.
Gundelach erhob sich. Mir würde schon ›Programm für Rückkehrer‹ genügen, murmelte er.
Schieborn und der Redakteur sahen ihn verständnislos an.
Der Sommer verlief ruhig.
Der FDP-Vorsitzende Dr. Pollock trat tatsächlich von allen politischen Ämtern zurück und wurde Geschäftsführer der staatlichen Liegenschaftsgesellschaft. Specht freute sich am Überraschungscoup, maß der Sache aber keine allzu große Bedeutung mehr bei. Für die FDP interessierte er sich nur noch, wenn er Graf Lambsdorff oder dessen Nachfolger im Amt des Bundeswirtschaftsministers, Martin Bangemann, angreifen konnte.
Ende Juni legte die Europäische Gemeinschaft Abgaswerte fest, die neun von zehn Autos auch ohne Katalysator erfüllen konnten. Die Landesregierung äußerte ihre Unzufriedenheit, ohne sich jedoch der Pauke zu bedienen. Seit der unerquicklichen Diskussion um die ökopolitischen Folgen des kanadischen Ferienvergnügens hatte das Thema als Werbeträger gelitten, und der Ministerpräsident fühlte sich ohnedies wieder mehr zur Großtechnologie hingezogen. Zum dritten Mal in diesem Jahr reiste er in die USA und kam mit der Gewißheit zurück, daß Deutschland sich am SDI-Programm Ronald Reagans zur weltraumgestützten Raketenabwehr beteiligen müsse, um technologisch zu überleben. Außerdem bestellte er für die Universität der Landeshauptstadt einen Cray 2-Superrechner für siebzig Millionen Mark. Die erforderliche parlamentarische Zustimmung besorgte er sich im nachhinein.
Am 16. Juli starb Heinrich Böll, was in der Politik wenig Widerhall fand. Axel Springers Tod, zwei Monate später, versammelte dagegen eine stattliche politische Trauergemeinde. Der Wimbledonsieg des siebzehnjährigen Boris Becker wiederum gab Anlaß zu überschwenglichen Glücksbezeugungen, denen ein kurzlebiger politischer Aktionismus folgte. Die Zukunft des neuen Medienstars, dessen Karriere durch die Einziehung zum Wehrdienst bedroht schien, wurde alsbald in diversen Chefgesprächen erörtert. Programmgemäß verlief auch der Einstieg der Daimler Benz AG beim Elektroriesen AEG Mitte Oktober. Das Unternehmen kaufte sich zum größten deutschen Konzern hoch. Parallel dazu begannen im Land Sondierungsgespräche für eine Fusion mehrerer Banken, die bei dem eifrig mitmischenden Regierungschef die Hoffnung nährten, neben dem industriellen auch einen finanzwirtschaftlichen Bilanzgoliath aus der Taufe heben zu können. Bereits im August wurde das Hauptverfahren im Flick-Spendenprozeß gegen Lambsdorff & Co. eröffnet. Kalterer bekam Arbeit und schrieb sogar, wie es hieß, Berichte.
Wie gesagt, kein politisch aufregender Sommer. Helmut Kohl allerdings stand tropfnaß im Regen allgemeiner Medienschelte, weil er, wo andere Management by walking praktizierten, Konfliktbewältigung durch Aussitzen zu bevorzugen schien. Selbst in der Union grummelte es.
Da kam Spechts Buch, nun schon im Druck, gerade richtig. Kaum ein Gespräch mit Journalisten, Unternehmern, Gewerkschaftern oder Parteifreunden ließ er noch aus, ohne auf das bevorstehende Ereignis andeutungsvoll hinzuweisen. Gundelach bedrängte deshalb den Spiegel, mit dem Vorabdruck zu beginnen. Die Hamburger aber warteten noch, bis auch Biedenkopf, der zweite Querdenker der Union, ein als ›Neue Sicht der Dinge‹ annonciertes Manuskript zu Ende gebracht hatte. Dann endlich, Ende September, banden sie beide Geistesblüten als Distelstrauß einer offenen programmatischen Opposition gegen den Kanzler zusammen und machten eine hübsche Titelgeschichte daraus, die der CDU spätestens ab 1988 eine ›Zukunft ohne Helmut Kohl‹ verhieß.
Zwei Montage in Folge konnte Gundelach, was ihm zur politischen Kultur einer neuen Gesellschaft aus der Feder geflossen, als angebliches Plädoyer für eine Große Koalition von CDU / CSU und SPD unter Spechts Kanzlerschaft lesen, und es amüsierte ihn nicht wenig. Erst recht, als FDP-Generalsekretär Helmut Haussmann die Eulenspiegelei aufgriff und Specht öffentlich vorwarf, den Koalitionswechsel inhaltlich vorzubereiten. Das Thema, die Diskussion, die kaum erhoffte bundesweite Aufregung war da.
Binnen Tagen füllten sich die Medien mit Berichten, Kommentaren und Spekulationen. Ehe das Buch in der Bonner Spiegel-Redaktion offiziell präsentiert wurde, war die erste Auflage, fünfzehntausend Exemplare, verkauft. Specht hatte mühelos den Spitzenplatz der politischen Herbstliteratur erklommen. Seine Thesen wurden gelobt oder verworfen, in jedem Fall aber
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