Morton Rhu - Leben und Werk
schon wieder.
RAINER
Freunde, ganz ehrlich, ich hab mir das Thema auch nicht ausgesucht, aber wir müssen nun mal die Woche hier gemeinsam runterreißen.
Rainer holt ein paar Zettel aus seiner Tasche.
RAINER ( CONT / D )
Ich hab euch ein paar Zettel ausgedruckt.
BOMBER
Nicht wieder die ganze Scheiße durchkauen.
MONA
Aber das ist nun mal ein wichtiges Thema.
BOMBER
Nazideutschland war scheiße. Langsam hab ich’s wirklich
kapiert. So was passiert hier eh nicht mehr.
Bombers Behauptung stimmt Rainer nachdenklich.
KEVIN
(provokant) Genau. Scheißnazis!
MONA
Und die Neonazis?!
CEM
Bin ich vielleicht Neonazi, Alter?
Lacher.
DENNIS
Cem hat Recht. Wir können uns nicht ewig für was schuldig fühlen, was wir nicht getan haben. Is doch voll verlogen.
MONA
Es geht doch auch nicht um Schuld. Es geht darum, dass wir mit unserer Geschichte ’ne besondere Verantwortung haben.
CEM
(asitürkisch) Isch bin Türke ey!
Lacher. Rainer beobachtet die Diskussion aufmerksam.
JENS
Verantwortung, klar. Aber das weiß doch jeder.
RAINER
Was weiß jeder?
JENS
Vielleicht ein paar bekloppte Ossis nicht.
DENNIS
Bist du bescheuert?! Ich bin in Jena geboren.
JENS
Sorry Mann. Du weißt, wie ich das meine. So Glatzen halt.
(zu Rainer) Können wir nicht was anderes machen, Rainer?
Rainer war kurzfristig abgeschweift.
RAINER
’tschuldige, Jens. Bitte?
JENS
Lass uns über die Bush-Regierung sprechen.
RAINER
Warte mal, Jens. Ich find das interessant. Ihr meint also, eine Diktatur wäre in Deutschland nicht mehr möglich?
JENS
Auf keinen Fall, dazu sind wir viel zu aufgeklärt.
LISA
Dann schau dir mal bitte die letzten Wahlergebnisse in Sachsen an.
DENNIS
Das sind größtenteils Protestwähler und keine überzeugten Nazis.
MONA
Protest wogegen?
CEM
Guck dich doch mal um ey, die Ungerechtigkeit wird doch immer größer. Weißt du, da verdient so ein Manager über ’ne halbe Million Euro im Jahr – so. Nutten, Koks, das ganze Programm, und fünf Millionen in Deutschland kassieren Hartz IV . Was dann auch noch nach ihm benannt ist.
KEVIN
Geil, Alter, ich werd auch Manager.
KARO
(provozierend) Vielleicht wäre eine Diktatur in Deutschland ja gar nicht so schlecht.
Alle Augen richten sich auf Karo.
RAINER
Weißt du, was du da sagst?
KARO
Ich meine, es müsste natürlich ein »guter« Diktator sein. Kein Rassist, wie Hitler. Überall sitzen die Lobbyisten. Keine Reform lässt sich durchziehen. Wenn da einer wäre, der sagt, wie es läuft, wäre doch gar nicht schlecht. Nur so lange, bis es wieder läuft.
FERDI
Ich mach das. Ich hab den Masterplan.
Lacher. Rainer blickt zu Marco, der über dem Tisch hängt
und fast eingepennt ist.
RAINER
Marco.
Marco blickt auf.
RAINER ( CONT / D )
Was meinst du?
MARCO
Keine Ahnung.
Tim Stoltefuss hat sich ebenfalls nicht an der Diskussion beteiligt, aber im Gegensatz zu Marco ist er ihr aufmerksam gefolgt.
RAINER
Schön. Ihr habt also keinen Bock auf Theorie.
Rainer schreitet mit seinen kopierten Zetteln zum Mülleimer und wirft sie hinein.
RAINER ( CONT / D )
Ich auch nicht. Die Schüler blicken irritiert.
RAINER ( CONT / D )
Wir machen 10 Minuten Pause. Cem, Bomber, Kevin. Ihr holt bitte noch zwei Tische und Stühle vom Hausmeister.
KEVIN
Warum wir?
RAINER
Weil ich das sage.
Hier beginnt die Verwandlung eines mentalitätsmäßig eher anarchisch eingestellten Lehrers, der zu Beginn des Films Punkrock hört, während er im Auto zur Schule fährt, zu einer autoritären Führungspersönlichkeit, der manche Schüler bald blind folgen. Die bunt gemischte Schülerschaft bei Gansel zeigt Deutschland als Migrationsland. Während in der US -Version Football gespielt wird, ist es in der deutschen Fassung Wasserball. Viele weitere Veränderungen in Dennis Gansels Film versetzen das Thema »Welle« glaubhaft in das Deutschland unserer Tage. Entscheidend in der vorgestellten Szene ist jedoch der Verzicht auf die Schulstunde »Nationalsozialismus«, also der Verzicht auf die Filmvorführung und die Reaktionen darauf.
In Morton Rhues Roman werden amerikanische Schüler – die meisten von ihnen wohl zum ersten Mal auf intensivere Art und Weise – mit dem Nationalsozialismus konfrontiert. Sie reagieren mit Unverständnis für all die deutschen Mitläufer. Aus diesem Nicht-Begreifen entsteht bei den meisten Schülern das Gefühl, immun gegen faschistische Versuchungen zu sein. Dieses Gefühl von Immunität wird auch in Gansels Film vermittelt,
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