Nachtflug Zur Hölle
eigentlich nur eine Tarnorganisation für das alte Komitet Gosudarst-wennoy Besopasnosti. Und Teresows Auftreten bestätigte diesen Verdacht. »Vor allem bin ich dafür verantwortlich, daß die Eindringlinge zurückschlagen werden«, knurrte der Oberst, »Halten Sie mich gefälligst nicht langer auf!«
»Idiot! Sie kommen wegen Befehlsverweigerung vors Kriegsgericht, wenn Sie nicht sofort…«
Aber Teresow brachte diesen Satz nicht zu Ende. Bei Kortyschkow mußte eine Sicherung durchgebrannt sein: Er richtete sein AK-47 langsam auf sein Gegenüber, und Teresow ahnte instinktiv, daß er bei der geringsten Provokation abdrücken würde. Natürlich würde Kortyschkow für den Mord an einem hohen KGB-Offizier an die Wand gestellt werden – aber auch das konnte Teresow nicht wieder zum Leben erwecken. Deshalb trat er einen Schritt zurück und nahm die Hand von seiner Pistolentasche, als er sah, daß der andere sie anstarrte.
»Lassen Sie mich in Ruhe«, verlangte Kortyschkow mit zitternder Stimme. »Ich muß die Verteidigung organisieren. Führen Sie diesen Befehl meinetwegen selbst aus, aber lassen Sie mich in Ruhe!«
Kortyschkow wandte sich ab, nahm die Meldung eines Offiziers entgegen und begann wieder, hektisch Befehle zu erteilen.
Teresow blieb allein zurück. Der Teufel soll den Kerl holen! dachte er und malte sich schon aus, wie Gabowitsch diese Befehlsverweigerung Kortyschkows bestrafen würde.
Aber Teresow hatte sich als erstes um seinen Vorgesetzten zu kümmern. Gabowitsch mußte aufgespürt und in Sicherheit gebracht werden. Die Gefangennahme eines KGB-Generals wäre ein gewaltiger Sieg für die noch unbekannten Eindringlinge, und Teresows Diensteid verpflichtete ihn dazu, alle Vorgesetzten notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens zu schützen.
Zudem war er dafür verantwortlich, daß Gabowitschs Pläne und Programme auch durch diesen Notfall nicht gefährdet wurden, und das wichtigste Geheimunternehmen betraf den im Keller gefangengehaltenen Amerikaner. Zweifellos war es nicht mehr möglich, Luger heimlich aus dem Institut und über die Grenze nach Weißrußland zu schaffen.
Also mußte er liquidiert werden.
Teresow hatte schon festgelegt, wie seine Leiche beseitigt werden sollte: im Müllverbrennungsofen im zweiten Kellergeschoß, in dem auch Lugers Zelle lag. Aber er hatte nie vorgehabt, den Amerikaner selbst zu liquidieren. Die Ermordung eines hilflosen Gefangenen war etwas für hirnlose Schergen, aber nichts für einen Offizier. Außerdem mußte unbedingt vermieden werden, daß sich irgendwelche Spuren von Lugers Aufenthalt und Liquidierung zu Wiktor Gabowitsch zurückverfolgen ließen.
Am besten versuchte er also zunächst, Gabowitsch aufzuspüren – immer in der Hoffnung, daß es diesem Trottel Kortyschkow gelingen würde, die Eindringlinge aufzuhalten, bis alle Spuren von Oberleutnant David Lugers Gefangenschaft hier im Fisikus restlos beseitigt waren.
Congo Zero-Two, Gunship AC-130U Spectre über Wilna, Litauen
13. April, 03.40 Uhr
»Ich wiederhole: Unser Primärziel hat die Koordinaten Zulu-Victor-fünf-eins-vier-drei, der Zielbereich liegt in hundert Meter Umkreis um das Gebäude«, las der ECM-Offizier des Gunships AC-130U Spectre vor, nachdem er die neuen Zielangaben der Marines entschlüsselt hatte. »Sekundärziel folgt. Freimachen des Geländes in hundert Meter Umkreis um die Koordinaten Bravo-Lima-drei-sieben-sieben-null als Landezone, Anschließend Sicherungskreis mit zwei Kilometer Radius um Primärziel fliegen.«
Auf seinem Arbeitsplatz hinter dem Copiloten trug der Navigator der AC-130 rasch die Koordinaten in seine Karte ein, las ihre vom GPS-Empfänger angezeigte gegenwärtige Position ab, trug sie ebenfalls ein und errechnete ihren Kurs zu den beiden Zielen. »Pilot, unser Kurs eins-neun-fünf, Ziele bei zwölf Uhr, acht Seemeilen.«
Als nächstes übertrug der Navigator diese Zielkoordinaten auf einen Plan des Fisikus-Instituts, der auf Satellitenaufnahmen basierte und den gesamten Komplex in allen Einzelheiten zeigte. Dann gab er den Plan an den neben ihm sitzenden Waffenoffizier weiter, der das Zielgebäude finden und identifizieren mußte. Dazu konnte er das hochauflösende Radar AN/APG-80 der Spectre benutzen und sich das Zielgebiet durch seine Fernsehkamera oder einen nach vorn gerichteten IR-Scanner darstellen lassen. Außerdem kontrollierte er die zwölf lasergesteuerten Lenkwaffen Hellfire und konnte jedes beliebige Ziel auf seinen Bildschirmen mit einem
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