Olympos
aber sein Körper war so starr und hart wie ein Stein. Er tätschelte ihr beinahe geistesabwesend die Schulter. Ada fragte sich, ob er einen Schock hatte.
Die Gruppe nahm ihr Gespräch über die nächtliche Verteid i gung von Ardis Hall wieder auf.
Die Voynixe – mindestens hundert, vielleicht hundertfünfzig; in der Dunkelheit und im Regen war das schwer zu erkennen – ha t ten kurz vor Mitternacht angegriffen und mindestens drei der vier Seiten der Palisadenmauer zu stürmen versucht. Es war der bisher größte und sicherlich am besten geplante A n griff der Voynixe auf Ardis gewesen.
Die Verteidiger hatten sie bis kurz vor Tagesanbruch getötet. Zuerst hatten sie das für diesen Zweck aufbewahrte, kostbare Pe t roleum und Naphtha in den riesigen Kohlebecken angezü n det, um die Mauern und die Felder jenseits der Mauern zu e r hellen, und die heranrasenden Gestalten dann mit einer Salve gezielter Bogen- und Armbrustschüsse nach der anderen übe r schüttet.
Da die Pfeile und Bolzen nicht immer den Panzer oder die ledr i ge Haube eines Voynix durchschlugen – ziemlich häufig taten sie es nicht –, hatten die Verteidiger den Großteil ihrer Pfeile und Bolzen verbraucht. Dutzende der Voynixe waren gefallen – Loes berichtete, sein Team habe im ersten Morgengrauen dreiundfün f zig Voynixleichen auf den Feldern und im Wald gezählt.
Einige der Wesen waren bis zu den Mauern gelangt und auf die Brustwehren gesprungen – Voynixe konnten aus dem Stand über zehn Meter hoch springen, wie riesige Grashüpfer –, aber die zahlreichen Piken und Reservekämpfer mit Schwertern ha t ten verhindert, dass es auch nur einer bis zum Haus geschafft hatte. Acht der Ardis-Bewohner waren verletzt worden, aber nur zwei schwer: eine Frau namens Kirik, die einen schlimmen Armbruch davongetragen hatte, und Laman, ein Freund von Petyr, dem vier Finger abgehackt worden waren – nicht von den Klingen eines Voynix, sondern durch den ungeschickten Schwerthieb eines Mi t verteidigers.
Das Sonie hatte die Wende gebracht.
Harman startete die ovale Scheibe von der alten Jinker-Plattform hoch oben auf Ardis Halls Giebeldach. Er flog sie von der zentr a len vorderen Mulde aus. Die Flugmaschine besaß sechs flache, gepolsterte Einbuchtungen für auf dem Bauch liegende Passagi e re, aber Petyr, Loes, Reman und Hannah knieten in ihren Mulden und schossen vom Sonie herab; die drei Männer bedienten sämtl i che Flechette-Gewehre von Ardis, und Hannah feuerte mit der besten Armbrust, die sie je angefertigt hatte.
Wegen der erstaunlichen Sprungfähigkeiten der Voynixe konnte Harman höchstens bis auf etwa zwanzig Meter heru n tergehen. Aber das war nah genug. Trotz der Dunkelheit und des Regens und obwohl die Voynixe so schnell wie Kakerlaken dahinhusc h ten und wie riesige Grashüpfer auf einem heißen Blech sprangen, fällte das Dauerfeuer der Flechettes und der Armbrust die G e schöpfe auf Schritt und Tritt. Harman steuerte das Sonie unter die hohen Bäume am Fuß und auf dem Gipfel des Hügels, die Verte i diger auf den Brustwehren der Palisade schossen brennende Pfe i le und von einem Katapult abgefeuerte Kugeln aus brennendem, zischendem Naphtha hinaus, um die Nacht zu erhellen. Die Vo y nixe zerstreuten sich, gruppierten sich dann neu und griffen noch sechs weitere Male an, bevor sie schließlich verschwanden, e i nige zum Fluss tief unten am Fuß des Hügels, auf dem Ardis lag, der Rest in die Hügel im No r den.
»Aber warum haben sie den Angriff nicht fortgesetzt?«, fragte die junge Frau namens Peaen. »Weshalb sind sie verschwu n den?«
»Was meinst du damit?«, sagte Petyr. »Wir haben ein Drittel von ihnen getötet.«
Harman verschränkte die Arme und starrte in den leise falle n den Schnee hinaus. »Ich weiß, was Peaen meint. Es ist eine gute Frage. Warum haben sie den Angriff abgebrochen? Wir haben noch nie erlebt, dass ein Voynix auf Schmerz reagiert hätte. Sie sterben … aber sie beklagen sich nicht. Warum haben sie nicht weitergemacht, bis sie uns überrannt hätten oder gestorben w ä ren?«
»Weil jemand oder etwas sie zurückgerufen hat«, sagte D a eman.
Ada warf ihm einen raschen Blick zu. Daemans Züge waren be i nahe schlaff, seine Stimme klang teilnahmslos, sein Blick ging i r gendwie ins Leere. Während der letzten neun Monate hatten sich Daemans Energie und Entschlossenheit mit jedem Tag verstärkt und sichtbar gesteigert. Jetzt war er lustlos; das Gespräch wie auch die Menschen um ihn herum schienen
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