Olympos
wieder daheim sein, bevor das Mi t tagessen auf den Tisch kam. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass sie morgen beim Abendessen Küchendienst hatte.
Sie hängte ihren Umhang an den Haken, ging in ihr Zimmer hinauf – das Zimmer, das sie jetzt mit Harman teilte – und schloss die Tür. Sie hatte das von Daeman mitgebrachte Turin-Tuch wä h rend der Gespräche zusammengelegt und in ihre größte Kittelt a sche gesteckt, und nun holte sie es hervor und faltete es auseina n der.
Harman hatte sich so gut wie nie unter das Turin-Tuch gelegt. Sie erinnerte sich daran, dass Daeman in dieser Beziehung auch eher zu den Kostverächtern gezählt hatte – vor dem Absturz hatte seine Vorstellung von Freizeitgestaltung darin bestanden, junge Frauen zu verführen, obwohl sie sich fairerweise auch erinnerte, dass er bei seinen früheren Besuchen in Ardis, als sie noch klein gewesen war, viel Mühe darauf verwendet hatte, in Wald und Flur Schmetterlinge zu fangen. Genau genommen waren sie Cou s in und Cousine, obwohl diese Begriffe in der vor neun Monaten untergegangenen Welt nur wenig mit Blutsve r wandtschaft zu tun gehabt hatten. Wie »Schwester« war auch »Cousine« ein Ehrent i tel, den weibliche Erwachsene einander nach jahrelanger Freun d schaft verliehen und in dem zumindest der Gedanke einer beso n deren Beziehung zwischen ihren Ki n dern mitschwang. Nun, wo sie selbst erwachsen war, und schwanger obendrein, erkannte Ada, dass die Ehrentitel »Cou s in« und »Cousine« vielleicht ein Zeichen dafür waren, dass ihre verstorbene Mutter wie auch D a emans Mutter – die nun ebenfalls tot war, wie ihr mit einem plöt z lichen Schmerz bewusst wurde – zu unterschiedlichen Zeitpun k ten in ihrem Leben b e schlossen hatten, sich vom Spermapaket desselben Vaters befruchten zu lassen. Das brachte sie zum L ä cheln, und sie war froh, dass der pummelige, lüsterne junge Mann, der Da e man einmal gewesen war, es nie geschafft hatte, sie zu verfü h ren.
Nein, Harman und Daeman hatten nie viel Zeit unter dem Turin-Tuch verbracht. Ada allerdings schon. In den fast elf Ja h ren, in denen die Turiner funktioniert hatten, war sie nahezu täglich zu den blutrünstigen Bildern der Belagerung Trojas g e flohen. Ada musste sich eingestehen, dass ihr die Brutalität und die Energie dieser imaginären Menschen – zumindest hatten sie bis zu Adas Begegnung mit dem älteren Odysseus auf der Go l den Gate immer als imaginär gegolten – sehr gefallen hatten, und die barbarische Sprache, die von dem Turin irgendwie übersetzt wurde, war für sie sogar wie eine berauschende Dr o ge gewesen.
Nun legte sich Ada aufs Bett, hob das Turin-Tuch übers G e sicht, legte die aufgestickten Mikroschaltkreise auf ihre Stirn und schloss die Augen. Eigentlich rechnete sie gar nicht damit, dass es funktionierte.
Es ist Nacht. Sie ist in einem Turm in Troja.
Ada weiß, dass es Troja – Ilium – ist, weil sie bei ihren vielen hundert Aufenthalten unter dem Turin-Tuch während des ve r gangenen Jahrzehnts die nächtliche Silhouette der Gebäude und Mauern der Stadt gesehen hat – allerdings noch nie aus dieser Perspektive. Sie erkennt, dass sie sich in einem zerstörten, krei s runden Turm befindet, auf dessen Südseite eine Außenwand fehlt. Ganz in ihrer Nähe kauern sich zwei Menschen zusammen und halten eine Decke in geringer Höhe über ein Feuer, das aus wenig mehr als Glut und Asche besteht. Sie e r kennt sie sofort – es sind Helena und ihr früherer Gemahl Menelaos –, aber sie hat keine Ahnung, weshalb sie zusammen hier sind, in der Stadt, und über die Mauer und das skäische Tor hinweg auf eine nächtliche Schlacht hinausschauen, die in vollem Gange ist. Was macht Menelaos hier, und wie kann er sich eine Decke – nein, erkennt sie, es ist der rote Umhang eines Kriegers – mit Helena teilen? Fast zehn Jahre lang hat Ada Menelaos und den anderen Achäern d a bei zugesehen, wie sie mit Gewalt versucht haben, in die Stadt zu gelangen, vermutlich, um eben diese Frau zu fangen oder zu t ö ten.
Es ist offensichtlich, dass die Achäer just in diesem Auge n blick mit Gewalt versuchen, in die Stadt einzudringen.
Ada dreht den nicht existenten Kopf, um ihr Blickfeld zu verä n dern – dieses Turin-Tuch-Erlebnis unterscheidet sich von a l len bisherigen –, und schaut ehrfürchtig zum skäischen Tor und der hohen Mauer hinüber.
Das hat große Ähnlichkeit mit unserem Kampf gestern Nacht hier in Ardis, denkt sie, aber dann lacht sie beinahe
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