Olympos
atmen.
Vielleicht, denkt er, hätte ich mir einen anderen Plan ausdenken so l len, um Zeus zu besiegen und meine geliebte Penthesilea wieder zum Leben zu erwecken.
Schon bei diesem ganz kurzen Gedanken an Penthesilea möchte er weinen wie ein Kind – aber nicht wie ein kleiner Achilles, denn der hat nie geweint. Kein einziges Mal. Der Ke n taure Chiron hat ihm beigebracht, seine Gefühle nicht zu ze i gen, abgesehen von Wut, Zorn, Eifersucht und Hunger, Durst und Sex natürlich, denn die waren im Leben eines Kriegers wichtig; aber aus Liebe we i nen? Bei dieser Vorstellung hätte der edle Chiron sein raues Ke n taurenlachen gebellt und dem jungen Achilles dann mit seinem schweren Lehrerstock eins übergezogen. »Liebe ist nichts anderes als missverstandene Lust«, hätte Chiron gesagt – und dem siebe n jährigen Achilles noch einmal einen kräftigen Hieb an die Schläfe versetzt.
Achilles möchte hier in dieser Hölle, in der er nicht atmen kann, umso mehr weinen, weil er irgendwo tief unter seinen stürm i schen Gefühlen weiß, dass er sich nicht das Geringste aus der t o ten Amazonen-Fotze macht – bei allen Göttern, sie ist mit einem beschissenen vergifteten Speer auf ihn losgegangen – und es no r malerweise höchstens bedauern würde, dass die Hündin und ihr Pferd nicht schneller gestorben sind. Aber hier ist er, er erträgt diese Hölle und legt sich mit Vater Zeus pe r sönlich an, nur um zu erreichen, dass die Frau wiedergeboren wird – alles wegen i r gendwelcher Chemikalien, die diese göttl i che Fickritze Aphrodite über die stinkende Amazone gegossen hat.
Drei riesige Gestalten zeichnen sich im Nebel ab. Sie sind so nah, dass Achilles ’ überanstrengte, mit Tränen gefüllte Augen sie als Frauen identifizieren können – wenn Frauen zehn Meter groß w ä ren. Ihre Titten sind größer als sein Rumpf, ihre nac k ten Leiber mit vielen bunten Farben bemalt, die selbst durch den roten Filter dieses vulkanischen Halbdunkels leuchten. Ihre Gesichter sind lang und unglaublich hässlich. Ihre Haare wi n den sich entweder wie Schlangen in der überhitzten Luft, oder sie sind ein Gewirr von Schlangen. Ihre Stimmen sind nur deswegen deutlich zu h ö ren, weil die dröhnenden Silben unerträ g lich viel lauter sind als der dröhnende Hintergrundlärm.
»Schwester Ione«, dröhnt die erste Gestalt, die im Halbdunkel über ihm aufragt, »kannst du erkennen, was das ist, was da mit ausgebreiteten Armen und Beinen wie ein Seestern auf diesem Felsen liegt?«
»Schwester Asia«, antwortet die zweite riesige Gestalt, »ich würde sagen, es ist ein männliches Exemplar eines Sterblichen, wenn Sterbliche an diesen Ort kommen oder hier überleben kön n ten, was beides unmöglich ist. Und wenn ich sehen kön n te, ob es männlich ist, was ich nicht kann, weil es auf dem Bauch liegt. Es hat aber wirklich hübsches Haar.«
»Okeanidenschwestern«, sagt die dritte Gestalt, »sehen wir mal nach, welches Geschlecht dieser Seestern hat.«
Eine riesige Hand packt Achilles grob und rollt ihn herum. Fi n ger von den Ausmaßen seiner Schenkel reißen ihm die Rü s tung vom Leib, nehmen ihm den Gürtel ab und rollen seinen Lende n schurz herunter.
»Ist es männlich?«, fragt die erste Gestalt, die von ihrer Schwe s ter Asia genannt worden ist.
»Wenn man es so nennen möchte, wo es so wenig aufzuwe i sen hat«, erwidert die dritte Gestalt.
»Was immer es sein mag, es ist gefallen und besiegt«, sagt die Riesin namens Ione.
Auf einmal regen sich große Gestalten im Halbdunkel, die Achilles für aufragende Felsenspitzen gehalten hat, schwanken hin und her und wiederholen mit nichtmenschlichen Stimmen: »Gefa l len und besiegt!«
Und von unsichtbaren Stimmen weiter weg in der rötlichen Nacht kommt ein weiteres Echo: »Gefallen und besiegt!«
Was die Namen betrifft, geht ihm endlich ein Licht auf. Ch i ron hat den jungen Achilles in seiner Mythologie unterrichtet, ebenso in seiner Theologie zu Ehren der lebenden und anwesenden Gö t ter. Asia und Ione waren Okeaniden – Töchter von Okeanos –, und ihre dritte Schwester war Panthea … Angehör i ge der zweiten Generation der nach der ursprünglichen Vere i nigung von Erde und Gaia geborenen Titanen, die in den alten Zeiten zusammen mit Gaia Himmel und Erde regiert hatten, bevor ihr Nachkomme der dritten Generation, Zeus, sie besiegt und allesamt in den Ta r taros geworfen hatte. Als einzigem der Titanen hatte er Okeanos ein angenehmeres, freundlicheres Exil
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