Olympos
besonders Caliban. Dein Monsterkind ist der Efeu, der meinen fürstlichen Stamm ve r barg und mein Lebensgrün aussog.«
Dazu wurde er schließlich geboren.
»Geboren?« Prospero lacht leise. »Deine Hexenbrut ist inmi t ten der ganzen Palette der Zaubereien einer wahren Huren-Priesterin ins Dasein gesickert – Kröten, Käfer, Fledermäuse, Schweine, die einst Menschen waren –, und der Echsenjunge hätte einen Stall aus meiner Erde gemacht, hätte ich die tück i sche Kreatur nicht zu mir genommen – in meine eigene Zelle – und sprechen gelehrt, sie höchst menschlich aufgezogen und ihr alles Gute der Menschheit gezeigt … und was hat es mir, der Welt oder dem verlognen Skl a ven genutzt?«
Alles Gute der Menschheit, schnaubt Setebos. Er schiebt sich auf seinen riesigen Gehhänden fünf Schritte vorwärts, bis sein Scha t ten auf den alten Mann fällt. Ich lehrte ihn Macht. Du leh r test ihn Schmerz.
»Als er, wie die Wesen deiner eigenen argen Herkunft, selbst nicht mehr wusste, was er dachte, und zu stammeln begann gleich einem wilden Tier, bannte ich ihn mit Recht in einen Fels, wo ich ihm in einer meiner Gestalten Gesellschaft leistete.«
Du hast Caliban in diesen orbitalen Felsbrocken verbannt und eines deiner Hologramme dorthin geschickt, damit du ihn jahrhundertelang quälen und peinigen konntest, lügenhafter Magus.
»Peinigen? Nein. Doch wenn die stinkende Amphibie nicht g e horchte, plagte ich sie mit Gicht, bis ihr die Knochen schmerzten und sie so laut brüllte, dass die anderen wilden Tiere der mittle r weile vernichteten Orbitalinsel vor ihr zitterten. Und das werde ich wieder tun, wenn ich sie erwische.«
Zu spät, schnaubt Setebos. Seine starren Augen richten sich a l le auf den alten Mann in dem blauen Gewand zu seinen Füßen. Fi n ger zucken und bewegen sich hin und her. Wie du selbst g e sagt hast, ist mein Sohn, mit dem ich sehr zufrieden bin, auf deine Welt losgelassen worden. Das weiß ich natürlich. Ich werde bald dort sein und mich zu ihm gesellen. Zusammen mit den vielen Tausend kleiner Calibani, die du zuvorkommenderweise erschaffen hast, als du noch unter den Nac h menschen dort geweilt und diese zum Untergang verurteilte Welt für gut befunden hast, werden Vater und Enkel deine grüne Kugel bald re i nigen und in einen angenehmeren Ort verwa n deln.
»In einen Sumpf, meinst du«, sagt Prospero. »Voller übler Ger ü che, noch üblerer Kreaturen, allen Formen der Schwärze und allen Ansteckungen, die aus Tümpel, Sumpf und Moor steigen, und dem Gestank von Prosperos Fall.«
Ja. Das riesige, rosafarbene, gehirnartige Wesen scheint auf se i nen langen Fingergliedern hin und her zu tanzen und wie zu u n hörbarer Musik oder beglückenden Schreien zu schunkeln.
»Dann darf Prospero nicht fallen«, flüstert der alte Mann. »Er darf nicht fallen.«
O doch, du wirst fallen, Magus. Du bist nur der Schatten eines G e rüchts eines Hauchs einer Noosphäre – die Personifizierung eines mi t telpunktslosen, seelenlosen Impulses unnützer Informationen, des sin n losen Gemurmels einer längst senil gewordenen, dem Niedergang a n heim gefallenen Gattung, ein Cyber-Furz im Wind. Du wirst fa l len, und deine nutzlose Bio-Hure, Ariel, auch.
Prospero hebt seinen Stab, als wollte er das Monster damit schlagen. Dann lässt er ihn wieder sinken und stützt sich d a rauf, als wäre plötzlich alle Kraft aus ihm gewichen. »Ariel ist immer noch die brave, treue Dienerin unserer Erde. Sie wird dir niemals dienen, ebenso wenig wie deinem monströsen Sohn oder deiner blauäugigen Hexe.«
Sie wird uns dienen, indem sie stirbt.
»Ariel ist die Erde, du Ungeheuer«, sagt Prospero sehr leise. »Mein Schatz ist zu vollem Bewusstsein erwacht, als die Noosph ä re sich mit der ichbewussten Biosphäre verwob. Wü r dest du eine ganze Welt vernichten, um deinen Zorn und deine Eitelkeit zu nähren?«
O ja.
Setebos springt auf seinen riesigen Fingerspitzen vorwärts und packt den alten Mann mit fünf Händen, hebt ihn nah an zwei se i ner Augenpaare. Wo ist Sycorax?
»Sie verwest.«
Circe ist tot? Setebos ’ Tochter und Konkubine kann nicht sterben.
»Sie verwest.«
Wo? Wieso?
»Alter und Neid haben sie so krumm gemacht wie einen Re i fen, und ich habe sie zu einem Fisch gerollt, der nun vom Kopf her verwest.«
Der Vielarmige gibt sein schleimiges Schnauben von sich, reißt Prospero die Beine aus und wirft sie ins Meer. Dann reißt er dem Magus die Arme aus und steckt sie in ein Maul, das
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