Parallelgeschichten
eigentlich diesen Jungen kannte.
Es konnte der Sonntag gewesen sein, oder eher der Montag, die Morgenfrühe des Neunundzwanzigsten.
Eine Weile überlegten wir, vor dem WC stehend, an welchem Tag wir uns begegnet waren, Sonntag, rief er, aber am Sonntag in der Morgenfrühe wurde doch kein Brot gebacken.
Ich hatte die Klinke schon in der Hand gehabt, im dahinrasenden Zug waren wir uns vor dem WC wiederbegegnet.
Am dreißigsten Oktober bestimmt nicht, den Tag konnte man nicht einmal zufällig mit den andern verwechseln, es war der Tag der Lynchings, in der ganzen Stadt lief das Gesindel frei herum und mordete mit beiden Händen. Und ich glaube nicht, dass er sich oder mich an etwas erinnern wollte, er hatte eher aus Verlegenheit zu reden begonnen.
Aus Angst, weil er sich vor mir bloßgestellt hatte, und ich würde ihn vielleicht anzeigen.
Auch unter den Aufständischen sind doch die meisten große Schleimscheißer.
Ich verstand nicht ganz, warum er das sagte, aber klar, ich war ein Augenzeuge, der jederzeit gegen ihn aussagen konnte.
In jenem Sommer sprachen vernünftige Menschen nicht mehr davon, was im Herbst des vorangegangenen Jahres geschehen war, und schon gar nicht davon, wie die Aufständischen gewesen oder nicht gewesen waren. Kein Wort mehr von ihnen. Eine Weile grinste auch ich verlegen, weil wir da vor dem WC ein solches Gespräch begannen, und überhaupt, weil ich eine so offene Rede mit anhörte. Was will der damit. Er musterte mich, ob ich nicht ein Provokateur war, ich beobachtete, ob er nicht ein Spitzel war. In solchen Momenten spürt man in den Mundwinkeln das misstrauische Zucken des anderen. Wir sprachen zwar leise, der Zug ratterte anständig unter uns, wir standen auf der Plattform draußen, in den Abteilen schliefen Kinder kreuz und quer, die deutschen Pflegerinnen, oder was immer sie waren, dösten mit offenem Mund. Bei uns war Schwester Karla, eine ältere Frau mit sehr aufmerksamen Augen, mit denen sie mich speziell beobachtete.
Wie ich sah, tat sie das nicht, weil ich einigermaßen Deutsch konnte, sie begleitete mich irgendwie mit dem Blick überallhin. Ihre Aufmerksamkeit war mir unheimlich. Diese Schwestern trugen graue Tracht, mit weißem Kragen und weißer Schürze, auf dem Kopf ein graues Hütchen mit einem großen weißen, rot eingerahmten Kreuz.
Niemand konnte hören, was wir sprachen.
Reden war schon deswegen nicht ratsam, weil man besser nichts von dem hörte, was der andere wusste. Ich konnte nicht wissen, was er alles verschwieg. Vielleicht konnten wir genau deswegen nicht aufhören. Mit jedem Wort vermehrte sich unser Wissen über den anderen, und so konnten wir nicht anders, als uns zu trauen.
Als würden wir uns unsere Geheimnisse aufdrängen.
Später pissten wir gemeinsam, was seine Idee war.
Er sagte, na was soll’s, jetzt sind wir eh Kumpel fürs Leben, da werden wir uns doch nicht wegen unserem Schwanz voreinander schämen.
Darin lag eine tiefe Wahrheit, denn mit unserem Reden hatten wir zugleich unsere Selbständigkeit aufgegeben.
Wenn er etwas sagte, das an mein Vertrauen appellierte, musste auch ich etwas sagen, um sein Vertrauen zu gewinnen. Ich durfte nicht sagen, dass ich nicht mit anderen zu pissen pflegte, und das sicher nicht wegen meines Schwanzes. Das war das Schwerste, dem anderen zu vertrauen, ihm etwas Geheimes und Riskantes anzuvertrauen. Es entstand ein Gefühl, als würde man nicht aus freien Stücken, sondern gezwungenermaßen der Freund des anderen, was gar nicht angenehm ist. Als wäre der andere demonstrativ offen und vertrauensvoll, um mit seiner Selbstaufgabe den anderen zu bestechen oder in die Knie zu zwingen. Ein solches Kumpelgehabe konnte wirklich eklig werden. Doch der Zug, die rasende Fahrt, trug und riss uns irgendwie aus der gewohnten Schattenwelt der Zwänge und Unbequemlichkeiten heraus und hob das Gewicht ihrer Regeln auf.
Er fuhr mit uns in eine Art Urlaub, von dem wir nicht wussten, wann er enden würde, und wir wussten auch nicht genau, wo er stattfinden sollte. In Dresden würde uns dann alles gesagt werden, vielleicht würden wir umsteigen müssen oder mit diesem Zug weiterfahren, einige Kinder kamen ans Meer, andere in die Berge.
Diese Schwester Karla redete in allgemeinen Ausdrücken, als wüsste sie selber nichts Genaues.
Kurz, das war wieder der allgemeine Notstand, in dem es keine Sicherheit gab, aber wenigstens konnte bis zur Landesgrenze keine Behörde oder sonst irgendwer mit unangenehmen Überraschungen
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